Der Hautarzt

, Volume 57, Issue 5, pp 448–450

Therapie der Acrodermatitis continua suppurativa Hallopeau mit Infliximab

Authors

  • C. Beckmann
    • Klinik für Dermatologie und AllergologieUniversitätsklinikum der RWTH Aachen
  • I. Rösener
    • Klinik für Dermatologie und AllergologieUniversitätsklinikum der RWTH Aachen
  • D. Hoeller Obrigkeit
    • Klinik für Dermatologie und AllergologieUniversitätsklinikum der RWTH Aachen
    • Klinik für Dermatologie und AllergologieUniversitätsklinikum der RWTH Aachen
Kurzkasuistiken

DOI: 10.1007/s00105-006-1147-2

Cite this article as:
Beckmann, C., Rösener, I., Hoeller Obrigkeit, D. et al. Hautarzt (2006) 57: 448. doi:10.1007/s00105-006-1147-2
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Anamnese

Die 61-jährige Patientin stellte sich mit einer seit 10 Monaten bestehenden Entzündung im Bereich des Nagelfalzes des Digitus I–V der linken Hand, Nagelwachstumsstörung und schmerzhafter Bewegungseinschränkung vor.

Hautbefund

An der linken Hand zeigte sich an Digitus I–V eine Onychodystrophie mit Pustelbildung und Umgebungsrötung an den Fingerkuppen (Abb. 1). An Digitus II, III und IV zeigten sich Rötung und Schwellung der Fingergelenke mit resultierender Bewegungseinschränkung. Rechts zeigte sich an Digitus I ebenfalls eine Nageldystrophie.
Abb. 1

Acrodermatitis continua suppurativa Hallopeau vor Therapie mit Infliximab 5 mg/kg Körpergewicht

Histologie

Histologisch zeigten sich eine kompakte Hornschicht sowie eine unregelmäßige teils psoriasiforme Epithelhyperplasie mit spongiotischen Neutrophilenabszessen. Im oberen und mittleren Korium fand sich ein perivaskuläres und interstitielles Infiltrat aus Lymphozyten. Weiterhin waren neutrophile Granulozyten zu finden.

Weitere Befunde

Die mikrobiologischen und mykologischen Untersuchungen der Fingernägel und der Pusteln waren unauffällig. Die routinemäßig erhobenen Laborparameter waren normwertig. Im Röntgen der rechten und linken Hand zeigte sich eine gelenknahe Osteopenie mit ansonsten normalem knöchernen Befund. Der Tuberkulintest war negativ.

Diagnose

Acrodermatitis continua suppurativa Hallopeau.

Therapie und Verlauf

Zunächst durchgeführte Therapien mit Acitretin und PUVA-Creme-Photochemotherapie mussten wegen Nebenwirkungen bzw. mangelndem Erfolg abgebrochen werden. Nach Tuberkuloseausschluss wurde eine Therapie mit Infliximab 5 mg/kg Körpergewicht in 250 ml NaCl 0,9% eingeleitet. Dazu wurde die 1. Infusion zum Zeitpunkt 0, die 2. Infusion nach 14 Tagen, die 3. Infusion nach 6 Wochen und alle weiteren Infusionen wurden im Abstand von 2 Monaten gegeben. Bereits nach der 1. Infusion zeigte sich eine deutliche Befundbesserung. Nach der 3. Infusion entwickelten sich die Gelenkbeschwerden rückläufig, und es zeigte sich ein Nachwachsen der Nägel (Abb. 2). Die Patientin hat zurzeit 3 Infusionen mit Infliximab 5 mg/kg Körpergewicht erhalten. Die Therapie wird, wie vom Hersteller empfohlen, als Erhaltungstherapie in Abständen von jeweils 8 Wochen weiter fortgesetzt.
Abb. 2

Acrodermatitis continua suppurativa Hallopeau nach der 3. Infusion Infliximab 5 mg/kg Körpergewicht

Diskussion

Die erstmalig 1890 von Hallopeau beschriebene Acrodermatitis continua suppurativa zählt zu den lokalisierten Formen der pustulösen Psoriasis [2, 6]. Sie ist gekennzeichnet durch meist an den Fingerendgliedern auftretende Bildung von sterilen Pusteln auf gerötetem Grund. Hieraus kann sich im Verlauf eine vernarbende Atrophie mit Onychodystrophie bis zum Verlust des Nagels entwickeln. Bei chronischem Verlauf können an den betroffenen Akren eine Osteoporose sowie osteolytische Umwandlungen auftreten [2]. Die Erkrankung kann initial durch ein Trauma ausgelöst werden [5]. Die Therapie der Acrodermatitis continua suppurativa Hallopeau gestaltet sich häufig schwierig. Etabliert ist die systemische Therapie mit aromatischen Retinoiden, insbesondere Acitretin [2]. Diese Therapieoption wurde bei unserer Patientin nach Ausschluss von Kontraindikationen initial durchgeführt, führte jedoch bei multiplen Nebenwirkungen auch in Kombination mit einer PUVA-Creme-Photochemotherapie nicht zur Besserung des Hautbefundes. Andere klassische Lokaltherapien wie Glukokortikoide oder Calcipotriol [3, 4] auch in Kombination mit Tacrolimus führten im beschriebenen Fall nicht zum Erfolg, sodass wir einen Therapieversuch mit Infliximab einleiteten.

In der Immunpathogenese der Psoriasis spielt nach derzeitigen Erkenntnissen das Zytokin Tumornekrosefaktor-α (TNF-α) eine zentrale Rolle. Die vermehrte Produktion von TNF-α führt u. a. zu einer erhöhten Ausschüttung von Interleukin-2 und Interleukin-6 und damit zu einer gesteigerten Keratinozytenproliferation. Derzeit stehen verschiedene Substanzen zur biologischen Therapie der Psoriasis zur Verfügung.

Infliximab ist ein chimärer monoklonaler Antikörper, der mit hoher Spezifität und Affinität sowohl lösliches TNF-α als auch zellgebundene Formen des TNF-α bindet und somit wirkungsvoll dieses proinflammatorische Schlüsselzytokin blockiert [7, 8, 9].

Infliximab hat zurzeit in der Bundesrepublik Deutschland die Zulassung zur Therapie der mittelschweren und schweren Plaque-Psoriasis sowie – in Kombination mit Methotrexat – zur Therapie der Psoriasis-Arthritis. Andere Erfahrungsberichte zeigen, dass insbesondere pustulöse Formen der Plaque-Psoriasis schnell und effektiv auf Infliximab ansprechen. In histologischen Untersuchungen fand sich eine rasche Verminderung von neutrophilen Granulozyten, der genaue Wirkmechanismus wird derzeit noch untersucht. In dem hier beschriebenen Fall konnte auch die Psoriasis pustulosa Hallopeau, die bisher als sehr therapieresistent galt, wirkungsvoll behandelt werden. Bei unserer Patientin stellte sich unter Infliximab, wie oben beschrieben, ein deutlicher Rückgang der Symptomatik ein. Die jeweils geeignete Therapie der Acrodermatitis continua suppurativa Hallopeau sollte jedoch bei jedem Patienten individuell festgelegt werden. Ein Versuch mit Lokaltherapeutika kann initial durchgeführt werden. Weiterhin kann häufig auch z. B. in Kombination mit Acitretin oral eine deutliche Besserung der Beschwerden erzielt werden. Bei Befundpersistenz oder -progredienz sollten jedoch die oben erwähnten alternativen Therapieoptionen diskutiert werden.

Interessenkonflikt

Keine Angaben

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