Der Chirurg

, Volume 78, Issue 12, pp 1111–1116

Peritoneal metastasiertes Ovarialkarzinom

Vorgehensweise und Behandlungsergebnisse

Authors

    • Klinik für Gynäkologie und GeburtshilfeUniversitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel
  • P. Harter
    • Klinik für Gynäkologie und Gynäkologische OnkologieDr. Horst Schmidt Klinik (HSK)
  • F. Hilpert
    • Klinik für Gynäkologie und GeburtshilfeUniversitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel
  • A. du Bois
    • Klinik für Gynäkologie und Gynäkologische OnkologieDr. Horst Schmidt Klinik (HSK)
Leitthema

DOI: 10.1007/s00104-007-1431-4

Cite this article as:
Pfisterer, J., Harter, P., Hilpert, F. et al. Chirurg (2007) 78: 1111. doi:10.1007/s00104-007-1431-4
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Zusammenfassung

Das Ovarialkarzinom ist der gynäkologische Tumor mit der höchsten Mortalität. Der interdisziplinären chirurgischen Therapie fällt ein hoher Stellenwert zu. In letzter Zeit hat es zahlreiche neue Erkenntnisse über den Stellenwert und Umfang der operativen Therapie dieser Erkrankung gegeben. Die Umsetzung dieser in nationalen und internationalen Standards und Leitlinien implementierten neuen Entwicklungen in den klinischen Alltag ist zur Verbesserung der Situation der Betroffenen dringend erforderlich.

Schlüsselwörter

OvarialkarzinomOperationPeritonealkarzinoseChemotherapie

Peritoneal carcinomatosis in ovarian cancer

Methods and treatment results

Abstract

Epithelial ovarian cancer is the gynecological tumor with the highest mortality rate. Numerous findings have recently emerged about the value and extent of surgical therapy of this disease. Already applied to national and international standards and guidelines, these new developments must become part of clinical practice if patients are to benefit.

Keywords

ChemotherapyOvarian cancerPeritoneal carcinomatosisSurgery

Pro Jahr werden in Deutschland etwa 10.000 Neuerkrankungen fraglicher (low-) und eindeutig maligner Ovarialtumoren diagnostiziert, bei etwa 8000 hiervon handelt es sich um einen sicher malignen und epithelialen Tumor, das Ovarialkarzinom. Es ist die fünfthäufigste Malignomerkrankung der Frau, bei den Todesursachen steht es ebenfalls an 5. Stelle und ist damit in Relation zur Anzahl der Erkrankten die häufigste gynäkologische Krebstodesursache.

Da keine effektiven Screeningverfahren zur Verfügung stehen, wird das Ovarialkarzinom in etwa 80% erst in einem fortgeschrittenen Stadium mit Tumorausbreitung außerhalb des kleinen Beckens diagnostiziert. Auch bei optimaler operativer und medikamentöser Therapie führt es bei der Mehrzahl der Betroffenen mittelfristig zum Tod. Daher kommt der chirurgischen und medikamentösen Therapie dieser heimtückischen Erkrankung eine große gesundheitspolitische Bedeutung zu.

Von 100 Patientinnen mit einem Ovarialkarzinom werden lediglich 20 in den prognostisch günstigeren Stadien FIGO I–IIA, 80 jedoch in den prognostisch ungünstigeren Stadien FIGO IIB–IV diagnostiziert. Dies bedeutet gleichzeitig auch, dass bei der großen Mehrzahl der Betroffenen das Peritoneum, sei es im kleinen Becken, häufiger jedoch noch außerhalb des kleinen Beckens, mit betroffen ist. Erster therapeutischer Schritt ist in jedem Fall eine Operation. Nach Einteilung in verschiedene prognostische Subgruppen werden nahezu alle Patientinnen mit einer Chemotherapie behandelt. Standard ist eine Kombinationsbehandlung aus einem Platinanalogon, in der Regel aufgrund der besseren Verträglichkeit Carboplatin, mit Paclitaxel. Nach Abschluss dieser Primärtherapie sind von den 100 Patientinnen mit einem Ovarialkarzinom zunächst 75 ohne Tumor, bei 25 ist jedoch leider immer noch Tumor vorhanden (Abb. 1). Diese an sich schon unbefriedigende Situation wird dadurch weiter verkompliziert, dass auch ein Großteil der 75, die zunächst ohne Tumor sind, innerhalb eines relativ kurzen Zeitraumes ein Rezidiv erleidet, so dass mittelfristig 55 von 100 Frauen mit einem Ovarialkarzinom an ihrer Erkrankung versterben, lediglich 45 gehören der Gruppe der Langzeitüberlebenden an (Abb. 2).

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Abb. 1

Tumorstatus nach Abschluss der Primärtherapie

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Abb. 2

Rezidivbildung und Langzeitüberleben

Zytoreduktive Operation als essenzielle Säule der Primärtherapie

Die zytoreduktive Operation als essenzieller Teil der Primärtherapie des fortgeschrittenen Ovarialkarzinoms ist weitgehend akzeptiert, obwohl es hierfür keine Level-I-Evidenz gibt: Prospektiv randomisierte Phase-III-Studien, die eine Operation mit einer Therapie ohne Operation vergleichen, gibt es nicht und wird es, nicht zuletzt aus ethischen Gründen, höchstwahrscheinlich auch nie geben. Es existiert nämlich eine supportive Evidenz der Level II und III, die einen Vorteil für die zytoreduktive Operation wahrscheinlich macht. Die möglichen Vorteile der chirurgischen Therapie beinhalten
  • die Entfernung schlecht vaskularisierter Tumoranteile mit begrenzten pharmakologischen Angriffsmöglichkeiten,

  • den höheren Prozentsatz rascher wachsender Tumorzellen in besser perfundierten kleinen Tumorresten mit höherer Wahrscheinlichkeit eines Zelltodes bei Chemotherapie,

  • den möglichen Vorteil einer geringeren Anzahl von Chemotherapiezyklen bei weniger Tumorlast verbunden mit der geringeren Chance auf Entwicklung einer Chemotherapieresistenz sowie

  • die Entfernung primär chemotherapieresistenter Tumorzellklone.

Adäquater chirurgischer Endpunkt

Die eben beschriebenen eher theoretischen Vorteile werden klinisch durch die seit mehr als 30 Jahren bekannte Tatsache untermauert, dass beim fortgeschrittenen Ovarialkarzinom das mediane Überleben bei gleicher nachfolgender medikamentöser Behandlung stark vom Durchmesser des Resttumors nach der Primäroperation abhängt. Der Begriff „optimale Zytoreduktion“ wurde von verschiedenen Arbeitsgruppen variabel definiert, üblicherweise werden Angaben zwischen 0 und 3 cm verwendet [3]. Eigene neue Daten machen jedoch deutlich, dass der „cut-off“ für „optimal“ bei makroskopischer Tumorfreiheit liegt. So findet sich ein signifikant besseres Überleben nur bei Patientinnen, die makroskopisch tumorfrei operiert werden konnten, die Gruppe, die auf einen Tumorrest zwischen 1 und 10 mm operiert werden konnte, unterscheidet sich nicht wesentlich von der mit größeren Tumorresten (Abb. 3).

Hauptziel bei der Operation des fortgeschrittenen Ovarialkarzinoms ist die maximale Tumorreduktion

Diese Beobachtungen werden auch durch Ergebnisse einer Metaanalyse von fast 7000 Patientinnen zum Effekt der maximal zytoreduktiven Therapie beim fortgeschrittenen Ovarialkarzinom gestützt [3]: Gelingt es zu 100% den vorhandenen Tumor zu resezieren, so liegt bei nachfolgender platinhaltiger Chemotherapie die mediane Überlebenszeit bei mehr als 36 Monaten, gelingt es nur 75% der vorhandenen Tumormasse zu reduzieren, so liegt das nachfolgende mediane Überleben bei etwas weniger als 32 Monaten, gelingt es lediglich 25% der vorhandenen Tumormasse zu reduzieren, so liegt das nachfolgende mediane Überleben nur bei 24 Monaten. In einer multivariaten Analyse war der Anteil der maximalen zytoreduktiven Chirurgie der entscheidende Parameter mit hoher Signifikanz:

Pro 10% Verbesserung der maximalen zytoreduktiven Chirurgie war eine Veränderung von 5,5% im medianen Überleben zu beobachten.

Ohne Bedeutung waren die Platindosisintensität, die kumulative Platindosis, das mittlere Alter oder der Anteil der Stadium-IV-Fälle. Somit ist für das fortgeschrittene Ovarialkarzinom eindrucksvoll untermauert, dass der Prozentsatz der maximalen zytoreduktiven Chirurgie die unabhängige Determinante für das weitere Überleben der Patientin ist. Aus diesem Grund muss das Hauptziel in der Behandlung des fortgeschrittenen Ovarialkarzinoms die maximale Tumorreduktion sein.

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Abb. 3

Operative Endpunkte beim Ovarialkarzinom

Präoperative Prädiktoren erfolgreicher Zytoreduktion

Es ist immer wieder versucht worden, Modelle, die präoperativ eine optimale Zytoreduktion vorhersagen könnten, für das Ovarialkarzinom zu etablieren. Hierzu zählen die Höhe des präoperativen CA125-Wertes, der Allgemeinzustand, verschiedene bildgebende Parameter aus CT-Untersuchungen und neuerdings durch Microarray gewonnene Ergebnisse von Genprofilen. Leider ist es bis heute nicht gelungen, einen oder ein Panel von Faktoren zu etablieren, die eine Operabilität im Sinne eines Erreichens einer optimalen Zytoreduktion vor der Operation zuverlässig vorhersagen ließe. Entweder waren die entsprechenden Vorhersagewerte mit 50–70% inakzeptabel gering oder entsprechende vermeintlich aussagekräftige Scoringsysteme ließen sich bei Überprüfung an einem zweiten Datenset nicht validieren.

Chirurgische Schritte

Das State-of-the-Art-Vorgehen [12] bei der Operation des fortgeschrittenen Ovarialkarzinoms ist eine Längsschnittlaparotomie mit Gewebeentnahme und multiplen Peritoneal-PEs. Daran schließt sich die Hysterektomie, die beidseitige Adnexexstirpation, die infragastrische Omentektomie, bei muzinösem oder intraoperativ unklarem Tumortyp auch die Appendektomie an. Nicht selten ist eine pelvine Peritonektomie erforderlich. Sofern technisch möglich, sollten alle Tumorknoten im Bereich des abdominalen Peritoneums einschließlich des Zwerchfells entfernt werden. Falls durch die nachfolgenden Maßnahmen insgesamt ein Tumorrest <1 cm möglich wird, macht eine Entfernung des Omentum minus ebenso Sinn wie eine Darmresektion. Bei intraabdominal erreichbarem Tumorrest <1 cm ist eine pelvine und paraaortale Lymphonodektomie zumindest mit einer Verlängerung des progressionsfreien Überlebens assoziiert.

Auch bei FIGO-IV-Fällen und erreichbarem Tumorrest <1 cm gibt es keinen Grund, weniger radikal als bei FIGO-III-Fällen zu operieren [12].

Zytoreduktive Chirurgie beim fortgeschrittenen Ovarialkarzinom erfordert im Einzelfall die Durchführung komplexer chirurgischer Verfahren wie die retroperitoneale En-bloc-Resektion von Tumormassen im kleinen Becken mit anschließender Wiederherstellung der Darmpassage, Dünn- und Dickdarmresektionen, Oberbaucheingriffe wie die Entfernung des Zwerchfellperitoneums, die Resektion von Leber(kapsel)metastasen oder die Splenektomie. Die Notwendigkeit eines aggressiven chirurgischen Vorgehens bedeutet nicht notwendigerweise eine schlechtere Prognose für die Patientin, wenn das Outcome an den Tumorrest adjustiert wird [7]. Als einer aggressiven chirurgischen Therapie nicht zugänglich gelten Patientinnen mit multiplen intrahepatischen (und nicht der Kapsel aufsitzenden) Lebermetastasen, ausgedehntem Befall der Mesenterialwurzel oder Befall der Leberpforte. In diese Kategorie fallen jedoch nur etwa 10% aller Patientinnen mit einem fortgeschrittenen Ovarialkarzinom.

Moderne chirurgische Möglichkeiten wie die Verwendung von CUSA (Cavitron Ultrasonic Surgical Aspirator), Argon-Beamer, bipolaren Instrumenten etc. erleichtern hier das Vorgehen wesentlich. Es gibt zahlreiche retrospektive Analysen, die die Vorteile bei der Verwendung in anatomisch oder vaskulär komplexen Regionen belegen [10, 14].

Etwa 30% aller Patientinnen mit einem fortgeschrittenen Ovarialkarzinom benötigen im Rahmen der zytoreduktiven Operation eine Darmresektion. Am häufigsten (56%) wird eine Sigmoidektomie erforderlich [11]. Bei den meisten kann eine Stomaanlage vermieden werden. Die Morbidität wird zwischen 2 und 30% angegeben [9, 16]. Bei ausgedehnteren Oberbaucheingriffen wird die Morbidität mit 12–20% [4, 6] und die Mortalität mit 2% [1] angegeben.

Zeitpunkt der Operation – „Intervalldebulking“

Der Terminus „Intervalldebulking“ wird im klinischen Alltag für zwei Szenarien verwendet: Zum einen für den zweiten chirurgischen Versuch, ein besseres zytoreduktives Ergebnis zu erreichen, sei es weil die Erstoperation in einem nicht adäquaten Setting (z. B. Notfalloperation in der Nacht oder inadäquate Operation bei fehlender Expertise) durchgeführt wurde und man dann erst einmal mit einer Chemotherapie begonnen hatte. Rationale hierfür ist die Überlegung, dass eine Induktionschemotherapie das spätere operative Ergebnis verbessern könnte. Gestützt wurde diese Hypothese durch die Ergebnisse einer EORTC-Studie, in der Patientinnen nach einer Operation zur Diagnosesicherung und anschließender Chemotherapie für 3 Zyklen im Falle einer „stable disease“ oder einem Ansprechen zwischen einer zweiten Operation mit dem Ziel Zytoreduktion und weiteren 3 Zyklen Chemotherapie oder alleinigen weiteren 3 Zyklen Chemotherapie randomisiert wurden [17]. Hierbei wurde ein signifikanter Überlebensvorteil für die Patientinnen mit erneuter Operation gefunden. Die erste Operation war jedoch hinsichtlich Art und Ausmaß nicht definiert.

In einer zweiten Studie der GOG mit identischem Design wurden 550 Patientinnen prospektiv zu einem gleichartigen Vorgehen wie in der EORTC-Studie randomisiert [15]. Der Unterschied zur EORTC-Studie war jedoch, dass bereits die erste Operation von einem erfahrenen gynäkologisch-onkologischen Team mit dem Ziel der maximalen Tumorreduktion durchgeführt worden war. Hier konnte für die Patientinnen mit der zweiten Operation nach 3 Zyklen Chemotherapie kein Überlebensvorteil gefunden werden, selbst dann nicht, wenn sie auf die ersten 3 Zyklen Chemotherapie gut angesprochen hatten und die Tumorreste bei der zweiten Operation entfernt werden konnten.

Der Terminus „Intervalldebulking“ wird auch verwendet für Patientinnen die zunächst eine neoadjuvante Chemotherapie erhalten und bei denen die Operation zu einem späteren Zeitpunkt durchgeführt wird. Es gibt zahlreiche, in der Regel retrospektive Studien und Datensammlungen, die meinen, die Gleichwertigkeit dieses Vorgehens mit dem Standardvorgehen Operation gefolgt von Chemotherapie belegen zu können. Die Ergebnisse einer großen Phase-III-Studie der EORTC zu dieser Fragestellung stehen noch aus. Zwischenzeitlich liegen jedoch Daten aus Kanada von mehr als 2500 Frauen mit Ovarialkarzinom vor [8]. Hier hatten die Patientinnen mit einer Operation gefolgt von einer Chemotherapie ein besseres Überleben als Patientinnen die zunächst mit einer Chemotherapie und dann mit einer Operation behandelt worden waren, diese wiederum hatten ein besseres Überleben als Patientinnen, die nur mit einer Chemotherapie ohne Operation behandelt worden waren. Möglicherweise liegt also den bislang publizierten Daten zur neoadjuvanten Chemotherapie beim Ovarialkarzinom ein Selektionsbias zugrunde. Das Standardvorgehen beim fortgeschrittenen Ovarialkarzinom ist daher die primär zytoreduktive Operation mit dem Ziel des maximalen Tumordebulkings durchgeführt von einem erfahrenen gynäkologisch onkologischem Team mit interdisziplinärer Einbindung (Viszeralchirurgie, anästhesiologische Intensivtherapie) gefolgt von einer Chemotherapie.

Das Standardvorgehen beim fortgeschrittenen Ovarialkarzinom ist die primär zytoreduktive Operation mit dem Ziel des maximalen Tumordebulkings gefolgt von einer Chemotherapie.

Waren bei einer ersten von einem erfahrenen Team durchgeführten Operation Tumorreste verblieben, so ist ein zweiter chirurgischer Versuch nach durchgeführter Chemotherapie nicht mit einer Überlebensverlängerung verbunden, selbst dann nicht, wenn die Patientin auf die Chemotherapie angesprochen hat und die verbliebenen Tumorreste im zweiten Schritt entfernt werden können.

Medikamentöse Therapie – Chemotherapie

Insgesamt entscheidend für eine möglichst lange Überlebenszeit einer Patientin mit einem fortgeschrittenen Ovarialkarzinom ist die Kombination aus der State-of-the-Art-Operation und der State-of-the-Art-Chemotherapie [12]. Die Standardbehandlung ist eine intravenöse Chemotherapie mit Carboplatin und Paclitaxel [12]. Dies ist bezüglich Wirkung, Nebenwirkung und Lebensqualität die beste Primärtherapie. Es gibt keine Daten für eine Therapieverlängerung über 6 Zyklen, für Dosiseskalationen sowie für die Addition weiterer Zytostatika außerhalb klinischer Studien. State-of-the-Art-Behandlung des fortgeschrittenen Ovarialkarzinoms heißt auch Therapie innerhalb zertifizierter Studienprotokolle wie z. B. der AGO-Studiengruppe [12].

Intraperitoneale Chemotherapie

Im Jahr 2006 wurden die Ergebnisse einer GOG-Studie publiziert [2]. Hier wurden Patientinnen mit Ovarialkarzinom zwischen einer intravenösen und einer kombiniert intravenösen und intraperitonealen Chemotherapie randomisiert. Nach einer medianen Beobachtungszeit von 4 Jahren fand sich im intraperitonealen Therapiearm ein medianes Überleben von 65,6 gegenüber 49,7 Monaten im i.v. Therapiearm (p=0,03). Das progressionsfreie Überleben war ebenfalls günstiger, der Unterschied aber gerade nicht statistisch signifikant. Die Nebenwirkungen in beiden Therapiegruppen unterschieden sich ebenfalls signifikant. Sowohl die hämatologische als auch die nichthämatologische Toxizität Grad 3 und 4 waren bei Patientinnen im i.p. Arm signifikant höher und die Lebensqualität war bei Patientinnen im i.p Arm signifikant schlechter als in der i.v. Kontrollgruppe [19]. Erst ein Jahr nach Therapieende erreichten die mit i.p. Chemotherapie behandelten Patientinnen das Lebensqualitätsniveau der Kontrollgruppe, die signifikant höhere Neurotoxizität im i.p. Arm hielt sogar nach einem Jahr noch an. Darüber hinaus fanden sich im i.p. Arm massive Katheterkomplikationen [18].

Standardchemotherapie ist die Kombination aus Carboplatin und Paclitaxel

In Deutschland und vielen europäischen Ländern ist diese Behandlungsart nicht akzeptiert worden. Problematisch erschien, dass die Frage, ob eine i.p. Therapie einer i.v. Therapie überlegen ist, nicht beantwortet wurde. So wurden vielmehr mehrere Variablen vermischt, so dass eine valide Aussage zur i.p. Therapie kaum möglich war. So wurden sowohl unterschiedliche Cisplatin- als auch Paclitaxeldosen mit jeweils höherer Dosierung im i.p. Arm miteinander verglichen. Zudem wurde nicht der aktuelle Standard Paclitaxel gefolgt von Carboplatin mit der i.p. Therapie verglichen, was noch deutlichere Unterschiede in der Beurteilung der Lebensqualität und der Grad-3- und Grad-4-Nebenwirkungen erwarten ließe. Hinzu kamen fehlende Angaben zur Rezidivtherapie, die einen Einfluss auf das Überleben hat und statistische Probleme (u. a. keine Intention-to-treat-Analyse).

Auch zur intraoperativen hyperthermen intraperitonealen Chemotherapie (HIPEC) beim Ovarialkarzinom gibt es, auch aus Deutschland, in jüngerer Zeit Publikationen von in der Regel retrospektiven Datensammlungen [13]. Problem hierbei ist, dass in vielen Publikationen die Patientinnenkollektive sehr heterogen (z. B. Primärfälle und Rezidive gemischt) sind, dass bislang keine entsprechenden Therapieschemata speziell für das Ovarialkarzinom in prospektiven Phase-II-Studien entwickelt worden sind und dass bis heute keinerlei Phase-III-Daten zu dieser Therapieart für das Ovarialkarzinom vorliegen. Daher sollte eine Behandlung von Patientinnen mit Ovarialkarzinom mit der noch als absolut experimentell einzustufenden HIPEC derzeit nur im Rahmen prospektiver, kontrollierter Studien erfolgen.

Versorgungsqualität beim Ovarialkarzinom in Deutschland

Vergleicht man die Überlebensraten von Patientinnen mit einem Ovarialkarzinom aus Deutschland mit denen aus anderen europäischen Ländern, so liegen diese nur im Mittelfeld. Ursache hierfür ist im Wesentlichen die Nichteinhaltung von operativen und medikamentösen Standards bzw. Leitlinien [5]. So erhalten nur 75% aller Patientinnen mit einem fortgeschrittenen Ovarialkarzinom die Standardchemotherapie, bei den chirurgischen Variablen (z. B. Tumorrest) werden etwa 40% auf „makroskopisch tumorfrei“ und weitere 20% auf einen Rest <1 cm operiert. Im internationalen Vergleich liegen diese Zahlen höher, in hochspezialisierten Zentren werden Komplettresektionsraten von über 70% erreicht. Dies schlägt sich auch in einer unterschiedlichen Überlebenswahrscheinlichkeit nieder (Abb. 4), wie die von der Kommission Ovar der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie generierten Ergebnisse der durchgeführten Qualitätssicherungsmaßnahmen zeigen. So finden sich zwischen optimaler und nicht optimaler Operation und Chemotherapie signifikante Unterschiede, wobei dem Faktor „Qualität der Therapie“ eine starke, unabhängige, prognostische Bedeutung zukommt (Tab. 1).

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Abb. 4

Qualitätssicherung Ovarialkarzinom: Therapiequalität und Überlebenschance

Tab. 1

Überleben: Multivariate Analyse der Prognosefaktoren

Rang

Variable

HR

95%-CI

p-Wert

1.

Stadium

FIGO I–IIA (frühes OvCA)

FIGO IIB–IV (fortgeschritten)

1

6,44

3,69–11,24

<0,0001

2.

Therapiequalität

CT und OP optimal

CT oder OP optimal

CT + OP nicht optimal

1

2,23

5,67

1,54–3,23

3,71–8,68

<0,0001

3.

Allgemeinzustand

ECOG 0/1 (gut)

ECOG 2+ (eingeschränkt)

1

1,65

1,15–2,38

0,0068

4.

Aszites

≤500 ml

>500 ml

1

1,50

1,12–2,01

0,0068

5.

Komorbidität

Keine

Vorhanden

1

1,48

1,07–2,05

0,0189

Nicht signifikant: Zweitkarzinom (schon univariat nicht signifikant).

Grading (p=0,557), Histologie (p=0,227) und Alter (p=0,064).

©Pfisterer & du Bois 2006.

Fazit für die Praxis

Klinischerseits hat es in den in den letzten Jahren zahlreiche Fortschritte in der Primär- und Rezidivtherapie des Ovarialkarzinoms gegeben, die Mortalität ist jedoch leider immer noch sehr hoch (Abb. 1, Abb. 2). Wege zur Verbesserung sind u. a. die Beachtung der aktuellen Therapieempfehlungen sowohl im operativen als auch im medikamentösen Bereich (s. oben) sowie die Teilnahme an klinischen Studien. Wichtig für die operative Therapie ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Gynäkoonkologen, Viszeralchirurgen und anästhesiologischen Intensivmedizinern. Nur die interdisziplinäre Zusammenarbeit wird es möglich machen, dass mehr Frauen als bislang in Deutschland eine adäquate chirurgische Therapie ihrer Erkrankung angeboten werden kann. Hilfreich in diesem Zusammenhang ist auch die vor kurzem erfolgte Implementierung der Schwerpunktweiterbildung „Gynäkologische Onkologie“ in Deutschland sowie die derzeit in Gründung befindlichen „Zentren für gynäkologische Onkologie“. Hier werden analog zu den Brustzentren, basierend auf nationalen und europäischen Vorgaben, alle Fachdisziplinen, die für eine kompetente Versorgung von Patientinnen mit einem Ovarialkarzinom erforderlich sind, vertreten sein.

Interessenkonflikt

Der korrespondierende Autor gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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