Date: 21 Feb 2014

Krebsfrüherkennung aus Sicht der Public-Health-Ethik

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Zusammenfassung

Krebsfrüherkennungsprogramme sollen durch das frühzeitige Entdecken bösartiger Tumoren und ihrer Vorstufen die krebsbedingte Mortalität und Morbidität senken. Der ethische Grundkonflikt bei der Krebsfrüherkennung besteht jedoch darin, dass viele Menschen Belastungen und möglichen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt werden müssen, um wenigen Menschen durch die frühzeitige Diagnose einer Krebserkrankung zu helfen. Der vorliegende Beitrag erörtert, unter welchen Voraussetzungen es aus ethischer Sicht vertretbar ist, eine Krebsfrüherkennung anzubieten oder zu empfehlen. Zunächst sollte der Nutzen des Programms im Sinne einer Senkung der tumorbedingten Mortalität in randomisiert-kontrollierten Studien verlässlich nachgewiesen sein. Das Schadenspotenzial durch die Untersuchung selbst, durch falsch positive Befunde sowie durch Überdiagnostik und Übertherapie sollte in einem vertretbaren Verhältnis zum erwarteten Nutzen stehen. Neben einer soliden wissenschaftlichen Grundlage erfordert diese Nutzen-Schadens-Abwägung Werturteile. Die potenziellen Teilnehmer sollten deshalb durch eine objektive, transparente, ausgewogene und verständliche Aufklärung in die Lage versetzt werden, eine informierte Entscheidung über die Teilnahme an dem Krebsfrüherkennungsprogramm zu treffen. Angesichts der Komplexität der Risikoabwägung wird schließlich diskutiert, inwieweit es ethisch vertretbar oder sogar geboten ist, eine Empfehlung für oder gegen die Teilnahme an einer Krebsfrüherkennungsmaßnahme auszusprechen. Sozialempirische Studien wie z. B. Fokusgruppen oder deliberativ-demokratische Verfahren kommen infrage, um bei den Empfehlungen die Präferenzen und Werturteile der betroffenen Zielpopulation berücksichtigen zu können.

Abstract

Cancer screening programs aim at reducing the tumor-related morbidity and mortality by early detection of malignant tumors or precancerous lesions. The basic ethical dilemma in cancer screening is, however, that many people have to be exposed to the burdens and risks of the intervention for a few people to benefit from early cancer diagnosis. This article discusses under which conditions it is ethically acceptable to offer or even recommend cancer screening. First, the benefit of the program in terms of a reduced cancer-related mortality should be proven by randomized controlled trials. The risks and burdens of the program related to the side effects of the investigation itself, false-positive findings, as well as overdiagnoses and overtherapy should be in an acceptable relationship to the expected benefit of the program. In addition to a solid empirical scientific basis, the benefit–harm evaluation necessarily involves value judgments. The potential participants in the screening program therefore should receive transparent, objective, unbiased, and understandable information to enable them to make a truly informed choice about participation. Given the complex benefit–risk assessment, it is discussed whether—and if so under which circumstances—it is ethically acceptable to make a recommendation for or against participation in a cancer screening program. Socioempirical research, such as focus group studies and public deliberations, can be used to elicit the preferences and value judgments of members of the target population that should be taken into consideration in recommendations about a cancer screening program.