Date: 22 Aug 2010

Priorisierung in der medizinischen Versorgung

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Zusammenfassung

Während das Thema der Prioritätensetzung in der medizinischen Versorgung im Ausland seit Mitte der 1980er-Jahre diskutiert wird, gelingt es in Deutschland nicht, eine solche Diskussion auch nur zu beginnen. Im Gegenteil, sie wird aktiv unterdrückt. Dabei hilft eine bewusste oder fahrlässige Verwechselung von Priorisierung und Rationierung. Auch die gesundheitspolitische Debatte vernachlässigt immer wieder die Frage, wofür die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) ihre im internationalen Vergleich umfangreichen Mittel einsetzen will; sie konzentriert sich auf die Einnahmeseite. Dies schützt das Postulat der deutschen Gesundheitspolitik, dass jedem GKV-Versicherten alles medizinisch Indizierte jederzeit rasch und uneingeschränkt zur Verfügung stehe. Das Ziel des vorliegenden Beitrages ist es plausibel zu machen, dass Rationierung und Priorisierung zwei ganz unterschiedliche Reflexions- und Handlungsprogramme beinhalten. Dies wird am Beispiel der ersten Empfehlungen der STIKO zur Impfung gegen die pandemische Influenza (H1N1) ausgeführt – unter Rückgriff auf Priorisierungsmodelle in Schweden, England und Oregon/USA. Ausführlicher werden mögliche Gegenstände, Ebenen, Kriterien, ethische Prinzipien und normative Implikationen von Priorisierung dargestellt.

Abstract

While setting priorities in healthcare has been discussed internationally for about 25 years, attempts to even start a discussion in Germany have failed for more than a decade. On the contrary, the topic was and still is actively suppressed. In this respect, one helpful mechanism is to deliberately or carelessly confuse prioritization with rationing, a German taboo-word. The national healthcare debate again and again neglects the question on what to spend Germany’s still very considerable resources. This helps our health politicians to continue to live the postulate that everybody should have immediate, unrestricted access to all medically indicated healthcare. Attempts to distinguish between priority setting and rationing as two entirely distinct programs based on prioritization models from Sweden, England, and Oregon/USA are presented. While discussing possible objects, levels, criteria, ethics, and normative implications of priority setting in healthcare, recent recommendations of a permanent vaccination committee (STIKO) are used as an example.

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1Nach einem Vortrag im Rahmen der Berliner Gespräche zur Sozialmedizin am 4. November 2009.