Date: 20 Jan 2010

Heilpraktiker und öffentliches Gesundheitswesen

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Zusammenfassung

Heilpraktiker dürfen in Deutschland die Heilkunde ausüben, ohne Arzt zu sein. Im Gegensatz zu Ärzten benötigen Heilpraktiker weder eine geregelte Ausbildung oder Fort- und Weiterbildung noch sind sie zwingend einer Kammerordnung unterworfen. Die einzige fachliche Voraussetzung vor Erteilung einer Heilpraktikererlaubnis ist eine Überprüfung durch die Gesundheitsämter. Diese bezieht sich nicht auf die genauen Kenntnisse der Heilpraktiker-Anwärter, sondern wird ausschließlich mit dem Ziel durchgeführt, eine Gefahr für die Volksgesundheit auszuschließen. Auch wenn Behandlungsfehler oder Todesfälle bei Heilpraktikern beschrieben sind, besteht doch die größte Gefahr in der Verkennung schwerwiegender ärztlich behandlungspflichtiger Erkrankungen und somit in einer Gefährdung durch Unterlassen. Im vorliegenden Beitrag werden die Entwicklung des Heilpraktikerwesens in Deutschland und die damit verbundenen Pflichten des Öffentlichen Gesundheitsdienstes zur Überprüfung aufgezeigt, nämlich die Heilpraktikerüberprüfung vor Erlaubniserteilung sowie die infektionshygienischen Kontrollen der invasiv tätigen Heilpraktiker. Die Ergebnisse der 345 Heilpraktiker-Überprüfungen in Frankfurt und Groß-Gerau im Zeitraum von 2004 bis 2007 zeigen, dass 53% der Anwärter die beliebig oft wiederholbare Überprüfung nicht bestehen. Bei den Hygienekontrollen war in 79% der 109 überprüften Praxen kein Hygieneplan vorhanden, in 49% fehlte ein Reinigungs- und Desinfektionsplan, und in 60% der Praxen fehlten Händedesinfektionsmittelspender am Waschbecken. Dieser und weiterer Verbesserungsbedarf wurden von den Praxen rasch umgesetzt. Die derzeitigen gesetzlich geregelten Überprüfungen der Heilpraktikeranwärter können keinen ausreichenden Schutz für die Bevölkerung bieten. Angesichts der steigenden Akzeptanz alternativer Heilmethoden durch die Bevölkerung und neuerer Gerichtsurteile, nach denen verschiedenen Berufsgruppen die Heilpraktikererlaubnis ganz ohne oder mit eingeschränkter Überprüfung zu erteilen ist, sollte neu diskutiert werden: 1. wie nicht-ärztliche Professionen und Naturheilverfahren gesetzlich geregelt werden sollen, 2. wie eine sichere und wirksame komplementäre und alternative Medizin (CAM) Eingang in die Schulmedizin finden kann/soll und 3. wie die Bevölkerung vor möglichen unerwünschten Interaktionen zwischen CAM und konventioneller Medizin geschützt werden kann/soll.

Abstract

In Germany, the naturopathic practitioner, the “Heilpraktiker”, is allowed to practice medicine, like medically trained physicians. The German heilpraktiker, a specific German phenomenon embedded in the country’s history, practices medicine without being obliged to undertake any medical teaching or training. Anybody 25 years old or older, with a secondary school certificate, and free of disease can participate in a test, conducted by the local health authorities to “exclude danger to the health of the nation.” In the case of failure, this test can be repeated ad libitum. Having passed this test, the heilpraktiker is allowed to practice the whole realm of medicine, except for gynecology, dentistry, prescription of medication, and healing infectious diseases. There is no more state control during the heilpraktiker’s working life, except in those practices applying invasive methods, such as infusions, injections, oxygen therapy, and acupuncture. These practices are inspected by the public health department based on the Infection Protection Act. Although several cases of fatal errors in treatment are known, the greatest risk in the heilpraktiker’s practice is the omission of proper diagnostics and therapies, which is risk by omission. In this paper, the history of the heilpraktiker in Germany as well as the task of the Public Health Departments in testing the candidates are shown. The data of 345 tests from 2004–2007 in the Rhein-Main area are presented, with 53% of the participants failing. Concerning the hygiene control visits, a concept for hygiene was lacking in 79% of 109 practices, while in 49% a concept for cleaning and disinfection was also missing. In 60% of the practices, a dispenser for hand disinfection was lacking. Recommended improvements were quickly performed in most practices. In conclusion, the current legal regulation, i.e., testing the candidates only once before practicing for a lifetime, does not sufficiently protect the population against danger caused by false diagnostics and (invasive) therapy of the heilpraktiker. Considering the population’s increasing interest and use of complementary and alternative medicine (CAM) with a heilpraktiker being frequently consulted, there are growing concerns in health services, regarding (1) how to regulate CAM professions and natural health procedures, (2) how to incorporate safe CAM into school medicine, and (3) how best to protect the public from a wide range of possible CAM–conventional medicine interactions.