Der Anaesthesist

, Volume 58, Issue 2, pp 180–186

Simulationsbasierte Analyse neuer Therapieprinzipien

Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit der OP-Prozesse

Authors

    • Klinik für Anästhesiologie und Operative IntensivmedizinMedizinische Fakultät Mannheim, Universität Heidelberg
  • C. Denz
    • Klinik für Anästhesiologie und Operative IntensivmedizinUniversitätsklinikum Mannheim
  • H. Bender
    • Klinik für Anästhesiologie und Operative IntensivmedizinUniversitätsklinikum Mannheim
  • M. Bauer
    • Anaesthesie/OP-ManagementUniversitätsmedizin Göttingen
  • S. Hunziker
    • Luzerner Kantonsspital
  • G. Schüpfer
    • Luzerner Kantonsspital
  • A. Schleppers
    • Klinik für Anästhesiologie und Operative IntensivmedizinUniversitätsklinikum Mannheim
Trends und Medizinökonomie

DOI: 10.1007/s00101-008-1483-y

Cite this article as:
Baumgart, A., Denz, C., Bender, H. et al. Anaesthesist (2009) 58: 180. doi:10.1007/s00101-008-1483-y

Zusammenfassung

Hintergrund

Die Einführung innovativer Medikamente in der anästhesiologischen Behandlung birgt das Potenzial, perioperative Effizienzverbesserungen zu ermöglichen. Der vorliegende Beitrag untersucht die Auswirkungen der Einführung des neuen Muskelrelaxansenkapsulators Bridion in der Anästhesieausleitung auf die Leistungsfähigkeit der perioperativen Ablauforganisation.

Material und Methoden

Zur Analyse der Auswirkungen medizinischer Innovationen wird die computergestützte Simulation als Untersuchungsmethode herangezogen. Die Simulation zeigt die Wirkungsweise von Innovationen auf die operationelle Leistungsfähigkeit sowie die entsprechenden betriebswirtschaftlichen Effekte anhand eines realitätsnahen OP-Modells und historischem Patientendatenkollektiv.

Ergebnisse

Der Einsatz medizinischer Innovationen in der Anästhesieausleitung kann unter bestimmten Bedingungen Ertragspotenziale für das Krankenhaus realisieren. Aufgrund kürzerer Säulenzeiten und Anästhesiepräsenzzeiten wird zusätzliches Leistungspotenzial für den OP-Bereich freigesetzt. Hieraus resultieren zusätzliche Fallzahlen im gleichen Arbeits- und Abrechnungszeitraum bis zu 2,4%.

Schlussfolgerung

Die Einführung innovativer Arzneimittel kann unter bestimmten Bedingungen (Verbreitungsgrad der Anwendung, Organisation des OP-Bereichs bzw. des Krankenhauses) zusätzliche leistungs- und betriebswirtschaftliche Potenziale wecken. Auf Basis der anästhesiologisch kontrollierten Zeit kann a priori keine allgemeingültige Aussage über die ökonomischen Potenziale getroffen werden. Zukünftige empirische Studien sollten die Auswirkungen auf Qualität und betriebswirtschaftlichen Nutzen für den gesamten Behandlungspfad untersuchen.

Schlüsselwörter

SimulationMedizinische InnovationMuskelrelaxansenkapsulatorProzessanalyseOP-Management

Simulation-based analysis of novel therapy principles

Effects on the efficiency of operating room processes

Abstract

Background

The introduction of innovative drugs in anesthesiological treatment has the potential to improve perioperative efficiency. This article examines the impact of the new muscle relaxant encapsulator Bridion on emergence from anesthesia and on the efficiency of the perioperative organization.

Methods

To analyze the effects of medical innovations, computer simulation was used as an experimental frame. The simulation was based on a realistic model of an operating room setting and used historical data to study the effect of innovation on the operational performance and the economic outcomes.

Results

The use of medical innovations in anesthesiological emergence yields new potentials for a hospital under certain conditions. Due to shorter block times and anesthesia-controlled times, additional benefits for the operating room could be realized. This results in an increase of up to 2.4% additional cases during similar working hours and planning periods.

Conclusion

The introduction of innovative medicines may reveal more efficient and economical conditions in operating rooms. The overall result depends, for example, on the rate of application of the patient’s portfolio or the organization and access rules of the surgical suite. Based on the anesthesia-controlled time no general a priori statement about the economic potentials can be confirmed. Future empirical studies should investigate the impact on quality and economic benefits for the entire patient pathway.

Keywords

SimulationMedical innovationMuscle relaxant encapsulatorProcess analysisOperating room management

Die Diskussionen zur Modernisierung der Krankenhausfinanzierung zeigen, dass auch in Zukunft Verbesserungen in den administrativen und den medizinischen Prozessen notwenig sind. Operationssäle als kostenintensive und gleichzeitig erlösstarke Dienstleistungszentren in Krankenhäusern sehen sich auch in Zukunft administrativen Veränderungen und medizinischen Innovationen ausgesetzt. Es eröffnet sich somit ständig neues Potenzial, die Abläufe und die Prozesse im OP zu verbessern.

Hintergrund und Fragestellung

Zahlreiche neue Management-Methoden und -Techniken wurden in den letzten Jahren eingeführt, um den Erfordernissen im OP-Management nach ständiger Veränderung und Verbesserung nachzukommen. Die zahlreichen Studien untersuchten vor allem unterschiedliche Strategien zur Reorganisation der OP-Bereiche. Diese konzentrierten sich auf die Verbesserung der perioperativen Ablaufstruktur im Rahmen von administrativen Ansätzen [8, 14, 15, 17, 22]. Es wurden vornehmlich die präoperativen Abläufe untersucht, die eine Verbesserung der Wechselzeiten oder die höhere Auslastung der OP-Ressourcen zum Ziel hatten. Die Studien basierten auf zahlreichen Annahmen, die die Verbreitung oder die Anwendung in der Praxis erheblich erschwerten [9, 10, 20, 22]. Die Annahmen umfassten beispielsweise die konstante Leistungsfähigkeit der Personalressourcen im Prozess trotz erheblicher Mehrbelastung und den Wechsel der Arbeitsumgebung oder der Verfügbarkeit zusätzlicher Ressourcen für die überlappende Einleitung. Insbesondere bei der Ausnutzung überlappender Einleitungen wird, neben der Verfügbarkeit von Ressourcen und der Konstanz der Arbeitsleistung, angenommen, dass die perioperative Organisation die zusätzlichen Eingriffe leistungsmäßig konstant abarbeitet. Zudem erfordern die Leistungsverbesserungen Annahmen über die Eingriffs- und Durchlaufzeiten der Patienten [9, 10, 22, 23].

Der vorliegende Beitrag untersucht die Auswirkungen der Einführung einer medizinischen Innovation, dem neuen Muskelrelaxansenkapsulator Bridion, im OP-Prozess auf die Leistungsfähigkeit der perioperativen Ablauforganisation. Die Einführung neuer Medikamente zur verbesserten Steuerung der Relaxierung der Patienten kann zu einer Verbesserung der OP-Effizienz führen. Die Wirkung der neuen Substanz trägt zur raschen Umkehr der neuromuskulären Blockade am Ende der Operation bei. Somit gewinnen Patienten ihre normale Muskelfunktion schneller zurück und können rascher selbstständig atmen. Damit ermöglicht diese Innovation dem Anästhesisten die bessere Kontrolle über das Ausmaß der Muskelentspannung während und nach der Operation. Dies führt zu veränderten ablauforganisatorischen Bedingungen in den perioperativen Prozessen.

Zentrale Fragestellung ist, inwieweit sich diese verbesserte Kontrolle des Patienten auf die Verkürzung der Extubationszeit und damit die gesamte Anästhesieausleitungsdauer (kurz: Ausleitungsdauer; zur Definition vgl. [2]) auswirkt. Eine verbesserte Leistungsfähigkeit der OP-Prozesse bemisst sich durch verbesserte zeitliche Prozess-, Kapazitäts- und ökonomische Kennzahlen. Die Prozesskennzahlen umfassen Durchlaufzeiten, Präsenzzeiten der Anästhesie oder der Belegungszeit (Säulenzeit) des OP. Die Kapazitätskennzahlen fokussieren sich auf die Auslastung der Ressourcen. Die ökonomischen Kennzahlen beinhalten die Untersuchung der Erlösveränderungen mit und ohne Einführung des modernen Muskelrelaxanzien-Managements.

Den entscheidenden Unterschied zu bisherigen Studien zum Thema OP-Management [11, 12, 13] stellt die Integration medizinischer Innovation bei der Untersuchung der Leistungsfähigkeit dar. Zudem werden hier explizit postoperative Prozesse untersucht, die darüber hinaus zur Verkürzung der Wechselzeiten beitragen können. Die ökonomischen Auswirkungen bemessen sich anhand der erzielten Zusatzerlöse für das Krankenhaus. Zur konsistenten und methodisch fundierten Untersuchung der Auswirkungen medizinischer Innovation nutzt der vorliegende Artikel die computergestützte Simulation [5, 7, 8, 18]. Der Entwurf und die Durchführung einer Simulationsstudie erfordern die schrittweise und strukturierte Überführung der realen OP-Umgebung in eine softwarebasierte Repräsentation der zahlreichen medizinischen und organisatorischen Komponenten [7]. Zum Studiendesign und zur Diskussion der Verwendung computergestützter Simulation wird auf die entsprechende Literatur verwiesen [7, 19, 21].

Untersuchungsmethoden

Die Untersuchungsmethode basiert auf der Anwendung der computergestützten Simulation. Die simulationsbasierte Untersuchung erfordert, die OP-Umgebung mit den relevanten Faktoren und Parametern in die Softwareumgebung zu überführen [4, 5, 13, 18]. Dabei orientiert sich die Vorgehensweise an der von Baumgart et al. [4] und Davis et al. [7] vorgestellten Methode. Die wesentlichen Elemente der vorliegenden Simulationsstudie sind in Abb. 1 verdeutlicht.

https://static-content.springer.com/image/art%3A10.1007%2Fs00101-008-1483-y/MediaObjects/101_2008_1483_Fig1_HTML.gif
Abb. 1

Struktur und Komponenten des Simulationsmodells

Die Analyse der OP-Prozesse führt zu einem realitätsnahen Simulationsmodell. Das Modell dient dazu, Probleme im OP-Ablauf zu analysieren, die z. B. durch den unterschiedlichen Ressourceneinsatz, neuartige OP-Methoden oder moderne anästhesiologische Verfahren entstehen.

Die Aufbau- und Ablauforganisation der OP-Umgebung umfasst die folgenden Komponenten, die zur Modellbildung herangezogen wurden (vgl. auch [4] für Angaben zur detaillierten Modellbildung):
  • organisatorische Rahmenbedingungen,

  • bauliche Gegebenheiten,

  • Personalressourcen sowie

  • Patientenprozess und Behandlungsablauf.

Organisatorische Rahmenbedingungen

Der betreffende OP-Bereich besteht aus 4 OP-Sälen (im Folgenden auch ZOP) mit ca. 4200 Patienten/Jahr. Der Ablauf ist durch eine hohe Parallelisierung gekennzeichnet. So wird schon seit mehreren Jahren überlappendes Einleiten durch zusätzliche Personalressourcen durchgeführt, um schnellere Wechselzeiten zu ermöglichen.

Bauliche Gegebenheiten

Die Räume des ZOP umfassen die Schleuse, jeweils 4 Einleitungs- und OP-Säle sowie einen Umbettraum zum Aufwachraum (AWR), der eine Patientenkapazität von 6 Patienten aufweist.

Personalressourcen

Die Berufsgruppen im ZOP sind insbesondere die Personalgruppen der perioperativen Organisation (Anästhesiepflege, Anästhesisten und OP-Pflege). Sie sind von der Parallelisierung der Aufgaben am meisten betroffen. In der Simulationsstudie wird hauptsächlich auf die Variation der Anzahl von Anästhesisten eingegangen. Somit können die Effekte der schnelleren Ausleitung und der Einfluss der Personalvariation in dieser Berufsgruppe untersucht werden.

Patientenprozess und Behandlungsablauf

Die perioperativen Prozessabläufe bestehen hauptsächlich aus den 5 Teilprozessen dem Einschleusen, der anästhesiologischen Vorbereitung (Monitoring) und Anästhesieeinleitung, der Operation, der Anästhesieausleitung sowie dem Transport in den und dem Aufenthalt im AWR. Wie Personal-, Raum-, Material und Geräteressourcen in die Prozesse integriert sind, hängt vom organisatorischen Aufbau des OP-Bereichs ab. Je höher die Anzahl der verschiedenen Einheiten eines OP-Bereichs, desto größer sind die Interaktionen und die funktionalen Abhängigkeiten der Prozesse, die ein zunehmend vielschichtigeres Verhalten des OP-Systems ergeben.

Studiendesign

Input und Patientenportfolio oder -kollektiv

Das Patientenkollektiv des ZOP umfasst Patienten aus den in Tab. 1 dargestellten Kliniken. Zudem werden in Abb. 2 die Statistiken Mittelwert und Standardabweichung der wesentlichen Prozessphasen dargestellt. In der Simulation wurden die historischen Werte (aus 3 Monaten) der Zeitintervalle verwendet.

Tab. 1

Patientenportfolio und dazu gehörende DRG-Erlöse

Klinik/Bereich

Patienten, gesamt

Eingriffe <45 min

Laparoskopische Eingriffe

Anzahl (n)

%-Anteil

Anzahl (n)

%-Anteil

Anzahl (n)

%-Anteil

Patientenportfolio

Allgemeine Chirurgie

242

27,6

35

4,0

33

3,8

Neurochirurgie

113

12,9

73

8,3

0

0,0

Orthopädie

139

15,9

37

4,2

0

0,0

Urologie

110

12,6

9

1,0

29

3,3

Thorax

196

22,4

36

4,1

0

0,0

Urologie, ambulant

76

8,7

3

0,3

0

0,0

Gesamt

876

100,0

193

22,0

62

7,1

DRG-Erlöse

Allgemeine Chirurgie

1.241.384

20,4

130.537

2,1

155.084

2,5

Neurochirurgie

921.896

15,1

87.768

1,4

0

0,0

Orthopädie

528.583

8,7

280.120

4,6

0

0,0

Urologie

643.280

10,6

22.899

0,4

146.399

2,4

Thorax

2.397.123

39,4

279.756

4,6

0

0,0

Urologie, ambulant

357.499

5,9

126.031

2,1

0

0,0

Gesamt

6.089.763

100,0

927.110

15,2

301.483

5,0

https://static-content.springer.com/image/art%3A10.1007%2Fs00101-008-1483-y/MediaObjects/101_2008_1483_Fig2_HTML.gif
Abb. 2

Verteilung der Prozessintervalle Schnitt-Naht-Zeiten (links) und OP-Ende bis Narkoseendezeiten (rechts). CH allgemeine Chirurgie, NC Neurochirurgie, OR Orthopädie, UR Urologie, TH Thorax, UR amb Urologie, ambulant

Simulationsmodel und Stellgrößen (Parameter)

Die reale OP-Umgebung wurde in ein computergestütztes Simulationsmodell überführt und auf Korrektheit überprüft (verifiziert und validiert; vgl. [4, 5]). Die wichtigste Stellgröße in diesem Model ist die Verkürzung der Ausleitungszeit durch punktgenaue Steuerung der Relaxierung mithilfe der Bridiongabe. Die Verkürzung der „time to extubation“ wird auf Basis der Nicht-/Anwendung mit diskreten Zeitdauern um 0 (keine Anwendung), 5 und 10 min verkürzt. Andere Ressourcenvariationen – wie in [4] beschrieben – werden aus Darstellungsgründen in dieser Studie nicht aufgeführt (vgl. auch Abschn. „Diskussion“).

Die Verbesserung der Auslastung und der Effizienz (Patientendurchsatz) in einem Dreimonatszeitraum (60 Arbeitstage) wird dabei anhand der folgenden Szenarien (S) untersucht:
  • S 1: Anwendung von Bridion bei allen relaxierten Patienten (maximales n=876),

  • S 2: Anwendung nur bei Patienten mit Eingriffen unter 45-min-Schnitt-Naht Zeit (maximales n=193) und

  • S 3: Anwendung bei allen laparoskopischen Operationen (maximales n=62).

Die Szenarien untersuchen somit die Auswirkungen der Verwendungsbreite des neuen Produktes Bridion im vorhandenen Patientenkollektiv.

Output und Kennzahlen

Die Ergebnisse der Simulation und die Abhängigkeiten im OP-Prozess müssen anhand geeigneter Kennzahlen gemessen werden. Die Kennzahlen sollten dabei unterschiedliche Ebenen der Leistungsmessung in den OP-Prozessen abdecken. So können die Auswirkungen neuartiger Ausleitungsmethoden überprüfbar gemacht werden. Die verwendeten Kennzahlen werden in die folgenden Arten unterteilt:
  • Die Darstellung der zeitlichen Kennzahlen richtet sich nach den in [2] dargestellten Zeiten und Intervallen. In der vorliegenden Studie werden Säulenzeiten und Ausleitungszeiten verwendet.

  • Die verwendeten Kapazitätskennzahlen umfassen die Auslastung der Anästhesie und der OP-Säle. Die Veränderungen anderer Kennzahlen werden in dieser Studie nicht gesondert betrachtet.

  • Die Darstellung der ökonomischen Kennzahlen beinhaltet die Anzahl der Fälle pro Tag und Quartal. Diese werden mit den DRG-Erlösen bewertet, die aus der Datenbank 2008 des Instituts für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) stammen.

Zur Durchführung wurden standardisierte Werkzeuge benutzt. Die Simulationsstudie verwendet im vorliegenden Fall die Simulationssprache SIMAN (v.11 Rockwell 2007; [19]). Zur Durchführung statistischer Analysen wurde Matlab® mit den entsprechenden Toolboxen herangezogen.

Ergebnisse

Die Verkürzung der Ausleistungszeiten aufgrund der Einführung von Bridion zeigt die folgenden Ausprägungen anhand der gewählten Kennzahlen. Die Ergebnisse der Simulation unter den gegebenen Szenarien sind in Tab. 2 zusammengefasst.

Tab. 2

Ergebnisse der Simulation und Szenarioanalyse

ZOP: 4 Säle

Patientenaufkommen für 3 Monate: 876

Simulationszeitraum: 60 Arbeitstage (3 Monate)

Anzahl der Fälle (60 Tage)

Ausleitungszeiten

(min)

Säulenzeiten (Beispiel Urologie)

(min)

Auslastung AN-AD

(relativ)

(min)

Auslastung OP-Säle (min)

Anzahl der Fälle (pro Tag)

Ohne Verkürzung

14,9

225

Anwendungsbereich

0

5

10

5

10

5

10

0

5

10

0

5

10

0

5

10

Gesamtzahl

Anzahl AN-AD

4

753

764

772

11,4

9,9

222

221

172

106

12,35

12,53

12,64

5

828

839

846

11,5

9,9

221

221

156

117

13,58

13,76

13,86

6

849

861

869

11,7

10,0

223

220

135

120

13,93

14,13

14,27

S-N <45 min

Anzahl AN-AD

4

753

757

759

14,4

14,1

224

223

s.o.

s. o.

12,41

12,44

5

828

831

829

14,7

14,3

225

225

13,62

13,59

6

849

855

856

14,8

14,5

226

224

14,01

14,02

Laparoskopisch

Anzahl AN-AD

4

753

754

756

14,4

14,1

224

226

s.o.

s.o.

12,36

12,39

5

828

829

830

14,7

14,3

226

224

13,58

13,61

6

849

852

852

14,8

14,4

224

222

13,96

13,96

AN-AD Anästhesie-ärztlicher-Dienst, S-N Schnitt-Naht-Zeit, s.o. siehe oben, ZOP zentraler Operationsbereich.

Darstellung der Ergebnisse der zeitlichen Kennzahlen

Die Auswirkungen auf die perioperative Organisation lassen sich an der Verkürzung der Säulenzeiten und der Dauer der Anästhesiepräsenz pro Patient ersehen. Während sich die Anästhesiepräsenz nicht signifikant ändert, werden die Säulenzeiten bei Anwendung der punktgenauen Relaxanssteuerung in einem breiten Patientenspektrum signifikant niedriger. Hieraus resultiert die Steigerung der Fallzahlen, die zu einer direkten Erlöswirkung für das Krankenhaus führen kann. Bei Ausleitung von Patienten im OP-Saal führt dies zudem zu einer geringeren Verweildauer im OP.

Darstellung der Ergebnisse der Kapazitätskennzahlen

Die Veränderung der Auslastungen lässt sich unter den aufbau- und ablauforganisatorischen Bedingungen nur im 10−1 nachweisen. Die hohen Überauslastungen zeigen zwar eine signifikante Änderung bei der Variation der Anzahl der Anästhesisten, jedoch keine Veränderungen bei Verringerung der Ausleitungsdauer.

Darstellung der Ergebnisse der ökonomischen Kennzahlen

Die durchschnittliche Anzahl der Fälle pro Tag zeigt bei Veränderung der Wechselzeiten einen geringen Effekt. Jedoch wirkt sich dies bei Simulation über 3 Monate auf die Gesamtzahl der operativ versorgten Fälle aus. Somit wird bei einem stark verbreiteten Einsatz der punktgenauen Steuerung der Relaxierung mit Bridion eine Ausweitung der Fallzahlen erreicht. Dies wirkt sich unmittelbar auf die DRG-Erlöse des Krankenhauses aus. Wie in Abb. 3 dargestellt, kommt es zu einer Steigerung der Erlöse durch höhere Fallzahlen im gleichen Zeitraum. Jedoch wird auch deutlich, dass die Steigerung nicht immer gegeben ist. Somit bestimmen weitere organisatorische Faktoren den potenziellen Mehrerlös.

https://static-content.springer.com/image/art%3A10.1007%2Fs00101-008-1483-y/MediaObjects/101_2008_1483_Fig3_HTML.gif
Abb. 3

Ökonomische Auswirkungen: Erlösentwicklung bei 5- und 10-min-Verkürzung der Ausleitungszeit

Diskussion

Die Einführung oder der Einsatz moderner Medikamente zur Steuerung der Relaxierung (Bridion) kann zu einer verbesserten OP-Effizienz beitragen, die wiederum zu höheren Erlösen führen kann. Die Auswirkung auf die gewählten Kennzahlen zeigt jedoch, dass zur Verkürzung der Ausleitungszeit und damit möglicherweise kürzerer Wechselzeiten weitere medizinische und organisatorische Bedingungen gegeben sein müssen. Generell kann dieser Zusammenhang somit nicht für jeden OP-Bereich bzw. das jeweilige Krankenhaus gezeigt werden.

Auswirkungen auf die zeitlichen und ökonomischen Kennzahlen

Die Verkürzung der Ausleitungszeit durch den Einsatz von Bridion erbringt in der vorgestellten Untersuchung nicht die vollständige (reale) Verkürzung der Nettozeiten um 5 oder 10 min. Gründe hierfür sind die bereits vorliegende optimale Gestaltung der Ausleitungszeiten im perioperativen Prozess und die Begrenzung durch das Ende der operativen Maßnahmen. Zur Ausnutzung weiterer Verbesserungspotenziale müssen weitere perioperative Teilprozesse verbessert werden.

Die ökonomische Bewertung erfolgte in der Studie hauptsächlich auf Basis von Erlöszahlen. Eine vollständige Bewertung erfordert den Einbezug von (variablen) Kosten. Somit kann der Grenzdeckungsbeitrag pro Fall berechnet werden. Beispielsweise kann die Verkürzung der Ausleitungszeiten anhand der ermittelten Kosten in Berry et al. 2007 [6] bewertet werden. Für die Kosten pro Anästhesieminute wurden in der Untersuchung, differenziert nach Hausgröße, zwischen EUR 2,56 und 2,73 ermittelt. Das würde bei einer realen Verkürzung am Beispiel von 6 Anästhesisten (Tab. 2) im perioperativen Ablauf zu einer durchschnittlichen Ersparnis von (14,9−11,7)*[2,56, 2,73] (Verkürzung von 5 min in der Simulation) bzw. (14,9−10,0)* [2,56, 2,73] (Verkürzung von 10 min in der Simulation) führen. Die Gesamtbewertung zur Einführung innovativer Arzneimittel erfolgt auf Basis der vorgestellten Kosten- und Erlöspotenziale und dem Vergleich mit dem Anschaffungspreis für das Produkt. Neben diesen rein operationellen Betrachtungen sollten darüber hinaus mittelfristige Aspekte in die Überlegungen zur Effizienzsteigerung miteinfließen.

Bei der Realisierung der Fallzahlsteigerung sollte darauf hingewiesen werden, dass weitere Steigerungen natürlich nur dann möglich sind, wenn diese Fälle am Markt akquiriert werden können. Andernfalls müssten die entsprechenden Ressourcen reduziert werden. Dies würde bedeuten, dass z. B. Personal abgebaut wird bzw. Saalkapazitäten zu schließen sind.

Auswirkungen auf die Kapazitätskennzahlen

Die Auslastungen ergaben in der Untersuchung keine signifikanten Änderungen. Aufgrund des gewählten Patientenportfolios und der langen Patientenpräsenzzeiten werden keine wesentlichen Effekte festgestellt. Die Verkürzung der Ausleitungszeit entspricht in einer rein zeitlichen Untersuchung der Verkürzung der Wechselzeiten im perioperativen Prozess. Es gibt jedoch praktisch grundlegende Unterschiede zur allgemeinen Wechselzeitanalyse. Erstens sind erheblich weniger Ressourcen an der Verkürzung beteiligt. Die Wechselzeit ist ein Resultat vieler Teilschritte im perioperativen Ablauf. Dies erfordert, dass zahlreiche Ressourcen zur gleichen Zeit verfügbar sind und die Arbeitsprozesse ausreichend schnell abarbeiten. Zweitens wird bei der überlappenden Einleitung der Transport des Patienten in den OP notwendig. Somit sind erhebliche Störungen und andere Fehler denkbar, die die Therapiequalität und die Sicherheit des Patienten gefährden. Drittens wirkt die Verkürzung der Ausleitungszeit direkt auf die Wechselzeit und die anästhesiologische Präsenszeit. Dies führt zu möglichen freien Kapazitäten bei den betroffenen OP-Ressourcen bzw. kann in der Verringerung von Überstunden und in zusätzlichen Kosten resultieren [25]. Zentrale Annahme bei der direkten Wirkung der Verkürzung der Ausleitungszeiten ist die konstante Leistungsfähigkeit der OP-Ressourcen bzw. die angepasste schnellere Wechselmöglichkeit der Patienten im OP-Saal, z. B. durch Wechselteams. Sollten nicht ausreichend Ressourcen zur Verfügung stehen, sind auch keine insgesamt schnelleren Wechselzeiten sowie freie OP- und Personalkapazitäten erreichbar. Hieraus ergibt sich, dass die Auslastungskennzahlen keine Veränderungen in Abhängigkeit der Verkürzung der Ausleitungsdauern zeigen.

Medizinischer Nutzen

Neben den in der Simulation quantifizierbaren Effekten können weitere medizinische Vorteile durch den Einsatz innovativer Medikament auftreten [1]. Zu diesen medizinischen Vorteilen zählt die Verringerung des Risikos der postoperativen Restkurarisierung (PORC). Diese ist eine verbreitete Komplikation, die auf den Einsatz von Relaxanzien bei der Narkose zurückzuführen ist. Mögliche Wirksamkeitsstudien müssen jedoch abschließend zeigen, ob der Einsatz von Bridion grundsätzliche Verbesserungen aufweist. Die Verringerung weiterer Komplikationen oder die Reduktion ungeplanter Aufnahmen auf die Intensivstation stellt eine weitere Optimierungsmöglichkeit dar. Die Beurteilung des medizinischen Nutzens erfordert die Erhebung empirischer Daten beim Einsatz bzw. Nichteinsatz von Bridion in einer kontrollierten Untersuchungsumgebung. Derartige Studien sind an großen Patientenkollektiven jedoch erst nach der Markteinführung möglich und daher für die Zukunft geplant. Eine abschließende Gesamtbewertung des Nutzens von Bridion und ähnlichen Produkten bleibt daher offen, verspricht jedoch positiv auf die Behandlungsqualität und den Gesamtprozess zu wirken.

Einordnung simulationsbasierter Entscheidungsunterstützung

Die computergestützte Simulation ist ein geeignetes Werkzeug, um die quantitativen Auswirkungen z. B. einer perioperativen Reorganisation oder, wie im vorliegenden Fall, des Einsatzes neuer Methoden aufzuzeigen. Die Simulation kann per definitionem nicht automatisch zu einer Optimierung oder Verbesserung führen, sondern zeigt systematisch Auswirkungen von Aufbau- und Ablaufveränderungen im OP-Prozess auf, die zur Optimierung herangezogen werden können – oder gerade eben nicht. Hiermit ermöglicht die Simulation die prospektive Abschätzung von Veränderungen auf Basis eigener realer Daten. Sie bietet damit eine Möglichkeit, kostenintensive „Try-and-error“-Versuche zu vermeiden.

Die Simulation zeigt im vorliegenden Fall, dass perioperative Veränderungen aufgrund medizinischer Innovationen nur unter bestimmten Voraussetzungen zu einem verbesserten zeitlichen und ökonomischen Ergebnis für den OP-Bereich führen. Die Diskussion zur Steigerung der Fallzahlen verläuft hierbei analog zu den in der Literatur beschriebenen Einschränkungen. In den Arbeiten [9, 10, 22, 24] werden umfangreiche Bedingungen und Wirkungsweisen zur Steigerung der Fallzahlen pro Tag, z. B. auf Basis der anästhesiologisch kontrollierten Zeit, in der normalen Arbeitszeit diskutiert.

Fazit für die Praxis

Der Einsatz medizinischer Innovationen in der anästhesiologischen Versorgung birgt neues Leistungspotenzial für den OP-Bereich. Darüber hinaus könnte unter den gezeigten Bedingungen Ertragspotenziale für das Krankenhaus realisiert werden, die sich durch zusätzliche Fallzahlen im gleichen Arbeits- und Abrechnungszeitraum erzielen lassen. Wesentlich für die Ausnutzung sind eine funktionierende taktisch-operative OP-Planung und die Verfügbarkeit von perioperativen Ressourcen.

Neuartige Methoden zur schnelleren Ausleitung können also zur weiteren Verbesserung der perioperativen Aufbau- und Ablauforganisation des OP-Bereichs führen. Zur quantitativen Bewertung und Nutzenanalyse für den jeweiligen OP-Bereich steht mit der computergestützten Simulation ein geeignetes Werkzeug bereit, die Wirkungszusammenhänge und -ausmaße aufzuzeigen. Unter den aufgezeigten Bedingungen und Szenarien könnten somit die Effizienz des OP-Bereichs gesteigert und die Erlössituation des Krankenhauses verbessert werden. Weitere Vorteile wie beispielsweise geringere postoperative Komplikationen oder weniger ungeplante Zugänge auf die Intensivstation müssen in zukünftigen Studien empirisch nachgewiesen werden.

Interessenkonflikt

Der korrespondierende Autor gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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