Der Anaesthesist

, 56:1210

Anästhesieeinleitung und Intubation beim Kind mit vollem Magen

Zeit zum Umdenken!

Authors

    • AnästhesieabteilungUniversitäts-Kinderkliniken
  • A.C. Gerber
    • AnästhesieabteilungUniversitäts-Kinderkliniken
Allgemeinanästhesie

DOI: 10.1007/s00101-007-1281-y

Cite this article as:
Weiss, M. & Gerber, A. Anaesthesist (2007) 56: 1210. doi:10.1007/s00101-007-1281-y

Zusammenfassung

Die klassische in der Erwachsenenanästhesie übliche Vorgehensweise bei der Ileusintubation ist für die Anwendung bei Kindern nicht in allen Punkten zweckmäßig. Erschwerte Präoxygenation, verminderte Sauerstoffreserven, erhöhter Sauerstoffverbrauch sowie Atelektasenneigung führen beim Neugeborenen, Säugling und Kleinkind zu einer verkürzten Apnoetoleranz mit sehr schnell eintretender Hypoxämie nach der Anästhesieeinleitung. Eine sanfte Maskenbeatmung mit Drucklimitierung bei 10–12 cm H2O führt nicht zur Mageninflation mit Aspiration. Hauptfaktoren für eine Aspiration bei Kindern sind Sperren, Pressen, Husten des Patienten während der Anästhesieeinleitung und Intubationsversuchen bei inadäquater Muskelrelaxation. Die sanfte Maskenbeatmung erlaubt eine ruhige, kontrollierte endotracheale Intubation bei optimierter Oxygenation, hämodynamischer Stabilität, genügender Anästhesietiefe und vollständiger Muskelrelaxation. Die Anwendung des Krikoiddrucks hat sich in der Praxis zur Verhinderung einer Aspiration nicht immer als effektiv erwiesen. Unmittelbar nach der Einleitung durchgeführt, kann er zu Husten und Pressen sowie zu erschwerter Beatmung und Intubation führen; er ist damit kontraproduktiv und provoziert geradezu eine Aspiration. Deshalb soll der Krikoiddruck bei der „Rapid-sequence-induction“- (RSI-)Intubation beim Kind in der Regel nicht angewendet werden. Wichtige Elemente einer an die Kinderanästhesie adaptierten RSI-Intubation sind die suffiziente schnelle i.v.-Anästhesieeinleitung mit profunder Muskelrelaxation, die sanfte Maskenbeatmung mit Druckbegrenzung bei 10–12 cm H2O und die atraumatische Intubation unter kontrollierten Bedingungen.

Schlüsselwörter

IntubationEndotrachealKinderIleusKomplikationen

Induction of anaesthesia and intubation in children with a full stomach

Time to rethink!

Abstract

Classical adult type rapid sequence induction (RSI) intubation is not always appropriate in children. In newborns, infants and small children, limited cooperation during pre-oxygenation, reduced respiratory oxygen reserves, increased oxygen demand and a tendency for airway collapse, easily lead to hypoxaemia after induction of anaesthesia. Gentle mask ventilation with pressures not exceeding 10–12°cm H2O allows oxygenation without the risk of gastric inflation and aspiration. Risk factors leading to pulmonary aspiration are bucking, coughing and straining during induction or tracheal intubation and active regurgitation and vomiting during laryngoscopy under light anaesthesia and incomplete muscle paralysis. Gentle mask ventilation allows tracheal intubation under optimised oxygenation, haemodynamics, depth of anaesthesia and complete muscle relaxation. Application of cricoid pressure does not reliably prevent pulmonary aspiration. In children cricoid pressure clearly interferes with smooth induction of anaesthesia, results in difficult mask ventilation and intubation as well as provokes bucking and straining and, therefore, should not be routinely used. Key features of RSI intubation for children are effective induction of deep anaesthesia followed by profound muscle paralysis, careful mask ventilation and gentle tracheal intubation under optimised conditions.

Keywords

IntubationTrachealChildrenFull stomachComplications

Einleitung

Anästhesieeinleitung und Sicherung der Atemwege beim nichtnüchternen Kind sind für den Anästhesisten eine besondere Herausforderung, insbesondere wenn dieser nur gelegentlich mit Kindern konfrontiert ist und in der endotrachealen Intubation bei Kindern wenig Erfahrung hat. Die moderne Literatur zum anästhesiologischen Management des nichtnüchternen Kindes beinhaltet vorwiegend Kontroversen, aber keine aufs Kind zugeschnittene klaren Strategien [6, 11, 26, 31, 46, 48, 62]. Meist kommen bei der Anästhesieeinleitung und Intubation des nichtnüchternen Kindes die Prinzipien der klassischen Ileusintubation aus der Erwachsenenanästhesie zur Anwendung [2, 25, 44]. Aus verschiedenen Gründen ist die klassische in der Erwachsenenanästhesie übliche Vorgehensweise bei der Ileusintubation bei Kindern nicht in allen Punkten zweckmäßig. Wird die klassische Ileusintubation ohne Modifikation bei Kindern angewandt, so kommt es oft zu hektischen, gefährlichen und unkontrollierten Situationen.

Um dies zu vermeiden, weichen viele Anästhesisten bei Kindern vom klassischen Schema der Ileusintubation ab und wenden eine speziell zugeschnittene modifizierte „Rapid-sequence-induction-“ (mRSI-)Intubation an. Im Folgenden sollen einige grundsätzliche Überlegungen zur Ileusintubation beim Erwachsenen und beim Kind dargelegt, daraus resultierende Implikationen abgeleitet sowie einige praktische Aspekte der mRSI-Intubation beim Kind kurz diskutiert werden.

Grundsätzliche Aspekte

RSI-Intubation beim Erwachsenen

Die Anästhesieeinleitung und die endotracheale Intubation des nichtnüchternen Patienten, d. h. des Patienten mit vollem Magen oder mit intestinaler Obstruktion und Passagestörung, beinhaltet das Risiko einer pulmonalen Aspiration. Das Vermeiden einer potenziell lebensbedrohenden pulmonalen Aspiration hat bei der Ileusintubation noch immer oberste Priorität, obwohl es Studien gibt, die die Aspirationsgefahr relativieren und obwohl die Effektivität der dagegen angewandten Maßnahmen hinterfragt werden kann [15]. Seit der Einführung von Succinylcholin 1951 und der Erstbeschreibung des Krikoiddrucks 1961 hat sich in der Praxis die so genannte Rapid sequence induction, oder auch Ileusintubation genannt, etabliert [2, 44]. Klassische Merkmale der Ileusintubation sind:
  • Präoxygenation mit 100%igem Sauerstoff,

  • Gabe einer vorausbestimmten Induktionsdosis,

  • Anwendung des Krikoiddrucks, sobald der Patient eingeschlafen ist,

  • Gabe von Succinylcholin zur erleichterten Intubation,

  • Abwarten einer Apnoezeit von 60 s bis zum Eintreten der Muskelerschlaffung mit anschließender direkter Laryngoskopie, endotrachealer Intubation sowie sofortigem Abdichten der Trachea mit einem gecufften Endotrachealtubus (Abb. 1; [2]).

Obwohl dieses heute fast universal akzeptierte Vorgehen für den Patienten mit vollem oder potenziell vollem Magen logisch und klar erscheint, hat bisher keine randomisierte, kontrollierte Studie die Vorteile der klassischen RSI-Intubation gegenüber einer sorgfältigen, kontrollierten i.v.-Einleitung bestätigt [15].

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Abb. 1

Ablauf der klassischen Ileusintubation beim Erwachsenen

Für die klassische Ileusintubation haben sich Begriffe wie „Crush“-, „Crash-“, Schnell- oder Blitzintubation etabliert [1]. Diese Begriffe und der Ablauf der klassischen Ileusintubation implizieren Hektik und Zeitdruck. Der Druck eines „Alles-oder-Nichts-Ereignisses“ prägt dabei oft das Handeln, insbesondere die Angst, dass die Intubation nach einer Apnoephase von 60 s nicht gelingen könnte, und die Ungewissheit, ob der Patient beim Misslingen der Intubation überhaupt beatmet werden darf oder gar kann! Die Angst, dass eine Beatmung unweigerlich zu einer Magenüberblähung mit konsekutiver passiver Regurgitation und pulmonaler Aspiration führt, wird jungen Anästhesisten so eingeimpft, dass sie bei schwierigen Intubationsverhältnissen trotz zunehmender Hypoxämie mit Intubationsversuchen fortfahren und eine Zwischenbeatmung mit der Maske als obsolet betrachten.

Es überrascht daher nicht, dass bei RSI-Intubationen von Notfallpatienten bei fast 50% der Patienten über Komplikationen wie Hypoxämie, Arrhythmien und Hypotension berichtet wird [41], ungeachtet ob sie von Anästhesisten und/oder von Notfallmedizinern durchgeführt werden. Nebst Hypoxämie und hämodynamischer Instabilität ist auch einer möglichen Wachheit des Patienten während der Intubation nach einer fix determinierten Induktionsdosis Beachtung zu schenken [7, 20]. Obwohl bis heute kein Zusammenhang zwischen Apnoezeit und Aspirationsrisiko gezeigt werden konnte, wird das Bestreben, die Trachea innert 40 oder 60 s zu intubieren, dogmatisch und um jeden Preis verfolgt [10, 19, 38, 49]. Die „magischen 60 s“ mögen für den gesunden Adoleszenten und Erwachsenen adäquat sein. Bei kranken Erwachsenen und kleinen Kindern kommt es bereits innerhalb weniger als 60 s nach Einleitung, d. h. noch vor Beginn der direkten Laryngoskopie und endotrachealen Intubation zur Hypoxämie. Auch in der Erwachsenenanästhesie wird dieses überstürzte, unkontrollierte Vorgehen bei der klassischen Ileusintubation wegen der damit verbundenen Komplikationen, insbesondere der durch die Hektik bedingten erhöhten Inzidenz von schwierigen Intubationen, zunehmend infrage gestellt [15, 50].

Intubation des nichtnüchternen Kindes

Aspirationsrisiko

Das pulmonale Aspirationsrisiko in der Kinderanästhesie ist gering und nur unwesentlich größer als beim Erwachsenen [13]. Die Morbidität der pulmonalen Aspiration in der Kinderanästhesie ist niedrig und kennt keine publizierte Mortalität; dies steht im Gegensatz zu den Erwachsenen [4, 55, 56]. Dennoch kann es in der Kinderanästhesie zu Aspirationen kommen und dies in Einzelfällen mit zum Teil beträchtlicher Morbidität [30]. Warner et al. haben in einer prospektiven Studie anhand von 63.180 Anästhesien bei 56.138 Säuglingen und Kindern 24 Aspirationen gefunden (1:2632; 0,04%); ein Drittel der Fälle waren Elektiveingriffe, und zwei Drittel waren Notfalleingriffe (meist Patienten mit intestinaler Obstruktion). Bei allen Letzteren wurde der Krikoiddruck angewendet [55]. Keiner dieser Patienten verstarb an den Folgen der Aspiration. Als Hauptfaktoren für eine Aspiration wurden Würgen, Pressen, Husten des Patienten bei der Einleitung sowie während Atemwegsmanipulationen, insbesondere der endotrachealen Intubation bei inadäquater Muskelrelaxation identifiziert [55]. Patienten mit intestinaler Obstruktion und notfallmäßigen Eingriffen wiesen ein mehrfach erhöhtes Risiko für eine Aspiration auf.

Verhinderung der pulmonalen Aspiration

Bei der pulmonalen Aspiration in der Kinderanästhesie muss zwischen Erbrechen sowie passiver und aktiver Regurgitation unterschieden werden. Erbrechen und aktive Regurgitation von Mageninhalt mit konsekutiver pulmonaler Aspiration während der Intubation sind zumeist das Ergebnis von Abwehrbewegungen, Pressen, Husten, Würgen des Patienten während der Anästhesieeinleitung oder während der direkten Laryngoskopie [24, 25, 30, 55, 56]. Weitere Faktoren, die zu einer unruhigen Einleitung führen, sind abrupte Trennung von den Angehörigen, unangenehme Manipulationen am Kind und Injektionsschmerz. Durch geeignete organisatorische und medikamentöse Maßnahmen lassen sie sich verhindern. Durch eine suffiziente Anästhesietiefe und vollständige Muskelrelaxation können Erbrechen sowie aktives Regurgitieren mit konsekutiver Aspiration sicher verhindert werden. Passive Regurgitation ist selten. Wenn sie auftritt, ist sie meist die Folge von Magenüberblähung durch eine Maskenbeatmung mit hohem Druck oder durch eine ösophageale Intubation bedingt, was zwingend vermieden werden muss. Eine passive Regurgitation kann bei Achalasie, fehlendem unteren Ösophagussphinkter (UOS) nach Ösophagusersatzplastik vorkommen. Beim massiven Ileus mit Überdehnung ist der UOS überfordert; in diesem Fall muss vorgängig der dünnflüssige Mageninhalt mithilfe eines kontinuierlichen oder intermittierenden Sogs an der Magensonde evakuiert werden.

Der Beitrag des Krikoiddrucks zur Verhinderung einer Aspiration bei Kindern wird sehr kontrovers diskutiert [6]. Auch wenn sich der Krikoiddruck in Kadaverstudien bei Säuglingen zur Verhinderung der Regurgitation als suffizient erwiesen hat [42], so hat er sich doch in der Praxis nicht immer als effektiv bei der Verhinderung einer Aspiration erwiesen [55]. Bis heute gibt es keine klinische Evidenz, die den routinemäßigen Einsatz des Krikoiddrucks beim Kind nahe legen würde [6]. Die korrekte Anwendung und den optimalen Zeitpunkt zu finden, ist beim Kind sicherlich noch schwieriger als beim Erwachsenen [32]. Zusätzlich führt der Krikoiddruck zu einer unerwünschten Erschlaffung des UOS [51]. Wird der Krikoiddruck während oder gerade nach der Einleitung angewendet, so führt er beim Kind zu Husten und Pressen sowie zu erschwerter Beatmung und Intubation; er ist damit kontraproduktiv und provoziert geradezu eine Aspiration [5, 18, 26, 52]. Daher soll der Krikoiddruck bei der RSI-Intubation beim Kind nicht routinemäßig durchgeführt werden, sondern er bleibt speziellen Situationen (Achalasie, Zustand nach Ösophagusersatzplastik) vorbehalten.

Hypoxämierisiko

Im Gegensatz zum Erwachsenen ist bei Neugeborenen, Säuglingen und Kleinkindern eine Präoxygenation vor der Anästhesieeinleitung aus Kooperationsgründen nicht immer ganz einfach durchführbar oder gelegentlich sogar unmöglich.

Kinder haben, verglichen mit Erwachsenen, eine kleinere totale funktionelle Residualkapazität (FRC), einen erhöhten Sauerstoffverbrauch und eine gesteigerte Kohlendioxid- (CO2)-Produktion. Die hohe pulmonale Verschlusskapazität führt bereits bei der Anästhesieeinleitung mit Abnahme der FRC zum Verschluss der kleinen Atemwege und zu Atelektasen. Unzureichende Präoxygenation und verminderte Sauerstoffreserven, erhöhter Sauerstoffverbrauch sowie Atelektasenneigung führen beim Neugeborenen, Säugling und Kleinkind zu einer verkürzten Apnoetoleranz mit sehr schnell eintretender Hypoxämie nach Anästhesieeinleitung. Hardman u. Wills beschreiben in ihrer Arbeit am Nottingham-Simulator für den 1 Monate alten Säugling ohne Präoxygenation eine Apnoezeit von <7 s, bis es zum raschen Sättigungsabfall kommt [17]. Auch beim mithilfe der Maskenbeatmung optimal oxygenierten Säugling wäre die Apnoetoleranz von 60 s zu kurz, um eine Hypoxämie bis nach erfolgter endotrachealer Intubation zu verhindern [37]. Dies gilt in besonderem Maß auch für das kritisch kranke Kind mit verminderten kardiorespiratorischen Reserven.

Verhinderung von Hypoxämie

Vor der Anästhesieeinleitung muss immer eine Präoxygenation des Patienten für eine erhöhte Apnoetoleranz angestrebt werden. Auch bei kleinen Kindern sollte während 2–3 min präoxygeniert werden [53, 61], selbst wenn die Denitrogenisierung der Lungen rascher erfolgt [17]. Nach Injektion des Hypnotikums und des Muskelrelaxans wird der Patient bis zum Eintreten der vollständigen Relaxation vorsichtig beatmet. Eine sanfte Maskenbeatmung mit Drucklimitierung bei 10–12 cm H2O führt nicht zur Mageninflation [27, 34, 57]. Die sanfte Maskenbeatmung soll primär eine gute Oxygenation des Patienten und ein Auffüllen der FRC mit Sauerstoff für die nachfolgende Intubationsapnoe bewirken. Sekundär wird eine Reduktion des Luftwegskollapses und eine Vermeidung eines übermäßigen paCO2-Anstiegs erreicht. Hyperkapnie („Lufthunger“) stört eine ruhige Anästhesieeinleitung generell. Hypoventilation und Hyperkapnie können besonders bei Kindern mit Hirndruck, pulmonal-arterieller Hypertonie oder zyanotischen Herzfehlern schädlich sein.

Alternativ verwenden andere Autoren eine apnoische Oxygenation mit „continuous positive airway pressure“ (CPAP) von 5 cm H2O über eine Gesichtsmaske [9, 14]. Diese ist aber gerade bei kleinen Säuglingen nicht immer effizient [9] und führt bei falscher Technik zur Magenüberblähung. Weiter erlaubt sie auch nicht, einen paCO2-Anstieg zu vermeiden. Andere Kinderanästhesisten wiederum benutzen bei der RSI-Intubation beim Kind den Anästhesierespirator zur druckkontrollierten Gesichtsmaskenbeatmung [„positive inspiratory pressure“ (PIP) 10–12 cm H2O] mit der Begründung, dass der Respirator dazu besser geeignet ist als die Hand des Anästhesisten (persönliche Mitteilung Dr. M. Jöhr, Luzern; [47, 54]). Dies trifft jedoch nicht für alle Anästhesierespiratoren zu.

Hektik und Intubationsschäden

Die endotracheale Intubation beim Kind stellt für den nicht routinemäßig mit Kindern tätigen und in der pädiatrischen Intubation nicht mehr geübten Anästhesisten zweifelsohne eine Herausforderung dar. Verminderte Apnoetoleranz, ungewohnte Intubationsanatomie, die spezielle Ausrüstung, die etwas anderen Medikamente und ihre unterschiedliche Dosierung in den verschiedenen Altersklassen bereiten dem nichtpädiatrischen Anästhesisten bereits bei der Anästhesieeinleitung und der endotrachealen Intubation des nüchternen Kindes Anspannung und Probleme. Kommen zusätzlich Hektik und Zeitdruck dazu, sind dies ungünstige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Anästhesieeinleitung und atraumatische Intubation des nichtnüchternen Kindes. Bei der klassischen Ileusintubation wird eine adäquate Anästhesietiefe zugunsten einer möglichst schnell durchgeführten endotrachealen Intubation und Sicherung des Atemwegs geopfert, wie Zimmermann dies sehr treffend formulierte [63].

Entscheidet sich der Anästhesist bei frühzeitigem Sättigungsabfall bei der Anästhesieeinleitung zur sofortigen endotrachealen Intubation, so kommt es häufig zur Traumatisierung der Atemwege. Ein vorzeitiger Intubationsversuch bei unvollständiger Muskelrelaxation scheitert häufig und führt fast immer zu Husten und Pressen, eventuell zu Erbrechen. Diese Intubation scheint oder ist tatsächlich schwierig; häufig kommt es zur Fehlintubation in den Ösophagus und damit letztlich, fast unweigerlich, zur pulmonalen Aspiration [24, 55, 56]. Paradoxerweise begünstigt man mit einem solchen Vorgehen gerade das, was man eigentlich vermeiden wollte.

Vermeiden von Hektik und Intubationstrauma

Ein weiterer wesentlicher Vorteil einer sanften Maskenbeatmung mit Drucklimitierung bei der mRSI-Intubation von Kindern liegt darin, dass optimale Intubationsbedingungen geschaffen werden können. Die Zeit bis zur vollständigen, relaxometrisch verifizierten Muskelrelaxation kann genutzt werden, um Hämodynamik und Anästhesietiefe zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren (Abb. 2). Die endotracheale Intubation erfolgt dann unter kontrollierten und optimierten Bedingungen.

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Abb. 2

Ablauf der modifizierten „Rapid-sequence-induction“-Intubation beim Kind

Im Fall von Intubationsschwierigkeiten oder Misslingen der endotrachealen Intubation tritt keine Hektik auf. Es wird weiter sanft mit der Maske beatmet, ein erneuter Intubationsversuch vorbereitet und durchgeführt, oder es wird auf ein „failed intubation procedure“ mit Larynxmaske (LMA) und fiberoptischer Intubation übergegangen [21]. Für alle in diesem Fall vorgesehenen Maßnahmen ist die Aufrechterhaltung einer suffizienten Oxygenation, Anästhesietiefe und Relaxation entscheidend. Die in der Literatur genannten Kontraindikationen für eine RSI-Intubation (mangelnde Erfahrung des Intubateurs, schwierige Intubation und Schock; [31]) werden unter dem Aspekt einer kontrollierten Situation weitgehend hinfällig. Gerade auch das nichtnüchterne Kind mit bekannt schwieriger Intubation, das nicht gewillt ist, sich wach fiberoptisch intubieren zu lassen, kann nach sorgfältiger i.v.-Einleitung und Relaxation unter optimalen Verhältnissen durch den Erfahrenen primär oder via LMA fiberoptisch sekundär intubiert werden.

Praktische Aspekte

Präoperative Vorbereitung des Patienten

Ein peripherer Venenzugang sollte präoperativ bereits auf der Notfall- oder Bettenstation vorhanden sein bzw. angelegt werden, um Flüssigkeitsdefizite, metabolische Störungen, Anämie und Gerinnungsstörungen zu korrigieren. Weiter hilft der im Voraus angelegte Venenzugang Schmerzen mit i.v.-Analgetika-Gabe suffizient zu behandeln und zusätzliche Aufregung des kleinen Patienten durch Anlegen eines i.v.-Zugangs kurz vor der Einleitung zu vermeiden.

Eine medikamentöse Prämedikation mit Midazolam und/oder mit einer i.v.-Opioid-Gabe bei Patienten mit Schmerzen ist wünschenswert, um die Trennung von den Eltern vor der Einleitung zu erleichtern, die Einleitungsphase ruhiger zu gestalten sowie die Akzeptanz der Gesichtsmaske zur Präoxygenation zu verbessern. Es liegt im Ermessen des Anästhesisten, ob er die Eltern bei der Einleitung dabei haben will.

Zum Einsatz von präoperativen systemischen oder peroralen Antacida oder Säureblockern zur Anhebung des Magen-pH oder von Gastrokinetika zur beschleunigten Magenentleerung gibt es keine gesicherte Evidenz für einen klinischen Vorteil bei Kindern. Daher soll eine solche Prophylaxe bei nichtnüchternen Kindern nicht routinemäßig vor der Intubation verabreicht werden.

Magensonde

Patienten mit manifestem Ileus benötigen vor der Anästhesieeinleitung eine Entlastung des Magens mithilfe einer Magensonde. Aus chirurgischen und anästhesiologischen Gründen muss dies bereits präoperativ auf der Notfall- oder Bettenstation erfolgen. Der Magen soll unmittelbar vor und während der Anästhesieeinleitung über die Magensonde mit wiederholtem Aspirieren weiter entlastet werden. Ob eine liegende Magensonde kurz vor der Narkoseeinleitung entfernt werden soll, wird unterschiedlich gehandhabt. Wird sie belassen, so soll der Magen während der Induktion bis zur Intubation weiter durch eine zusätzliche Hilfsperson von Luft und Flüssigkeit entlastet werden. Andere Autoren entfernen die Magensonde mit der Begründung, dass eine liegende Magensonde die Abdichtung des UOS beeinträchtigt, die Maskenbeatmung erschwert und bei der Intubation im Rachen stört [14]. Andererseits führt die Entfernung der Magensonde kurz vor der Anästhesieeinleitung zur Traumatisierung und Aufregung des Kindes; dies ist für eine ruhige Einleitung kontraproduktiv. Bei Unfallpatienten oder akut erkrankten Patienten bringt eine präoperative Magensonde keinen Vorteil, da feste Nahrungsteile die Magensonde verstopfen und auch nicht evakuiert werden können.

Lagerung des Patienten

Vielerorts wird noch eine Oberkörperhochlagerung des Patienten für die Ileusintubation durchgeführt; dies geschieht mit dem Ziel einen hydrostatischen Gradienten zwischen Kardia und Pharynx zu schaffen. Dieser Effekt ist bei Säuglingen und Neugeborenen durch die kurze Körperlänge kaum relevant, wird beim Erwachsenen kontrovers gehandhabt und ist wissenschaftlich auch nicht belegt. Die Autoren wählen eine Rückenlage mit 20°-Anti-Trendelenburg-Position für die mRSI-Intubation bei Kindern ab dem 2. Lebensjahr. Welche Lagerung auch immer gewählt wird: Wichtig ist, dass die Intubation durch die gewählte Patientenpositionierung nicht erschwert wird.

Anästhesieeinleitung

Bei der RSI-Intubation muss rasch eine suffiziente Anästhesietiefe und profunde Muskelrelaxation erreicht werden, um Abwehrbewegungen, Pressen, Würgen oder gar Erbrechen zu verhindern. Während der Einleitungsphase sind stimulierende Reize (Atemwegsmanöver, Krikoiddruck, Schmerzen durch Medikamente; [29, 52]) zu vermeiden.

Für die RSI-Intubation beim hämodynamisch stabilen Kind eignen sich Propofol oder Thiopental. Die Einleitung mit Propofol ist gelegentlich unbefriedigend, da die Kinder auch mit 3–4 mg/kgKG Propofol noch oft Abwehrbewegungen zeigen und der Injektionsschmerz störend wirkt. Daher verwenden einige Kinderanästhesisten Thiopental bei der RSI-Intubation von Kindern. Wird Propofol oder Rocuronium eingesetzt, so müssen vorgängig Maßnahmen ergriffen werden, um den Injektionsschmerz zu verhindern [29, 39]. Die Autoren verwenden dazu ein schnell wirksames Opioid (Alfentanil). Letzteres hat den Vorteil, dass sich der Patient, leicht sediert, einfacher präoxygenieren lässt, die Anästhesieeinleitung mit Propofol ohne störende Abwehrbewegungen durchgeführt werden kann und der Injektionsschmerz auf Propofol und Rocuronium vermieden wird. Opioide sollen jedoch, um Hustenreiz und eine ungünstige Thoraxrigidität zu vermeiden, titriert und langsam appliziert werden [12, 28, 58]. Nach der Injektion des Hypnotikums und des Muskelrelaxans muss die Infusionsleitung mit 5–10 ml 0,9%iger NaCl-Lösung gespült werden, um pH-bedingte Ausfällungen der Medikamente mit Verstopfen der Venenkanülen (vgl. Thiopental + Rocuronium → Rockuronium] zu vermeiden und einen schnellen Wirkungseintritt der Medikamente zu erzielen. Bei hämodynamisch instabilen Kindern hat sich Etomidat mit Vorgabe eines Opioids oder Benzodiazepins bewährt; bei schockierten Kindern kann Ketamin zur Anästhesieeinleitung verwendet werden.

Muskelrelaxans

Bei der RSI-Intubation sollen Muskelrelaxanzien eingesetzt werden, um Abwehrbewegungen des Patienten und Intubationsschäden zu vermeiden [8]. Die Intubationsbedingungen und die hämodynamische Stabilität sind bei Verwendung eines Muskelrelaxans generell besser als bei Verwendung einer Opioid-Propofol-Sequenz [33]. Die RSI-Intubation beim Kind ohne Muskelrelaxans sollte dem erfahrenen Spezialisten und für spezielle Fälle reserviert sein [40].

Der Umstand, dass bei der mRSI-Intubation beim Kind die Zeitdauer von Induktion bis zur endotrachealen Intubation durch die Maskenbeatmung von sekundärer Bedeutung ist, erlaubt auch nichtdepolarisierende Muskelrelaxanzien (NDMR) einzusetzen und damit das gerade in der Kinderanästhesie umstrittene Succinycholin zu vermeiden [46]. Um aber dennoch eine rasche, profunde Relaxation zur Verhinderung von Bewegungen nach Induktion zu erreichen, kann eine erhöhte Dosis (mehr als 2-mal ED95) eines NDMR gewählt werden. Eine relaxometrische Überprüfung des vollständigen Wirkungseintritts der Muskelrelaxation soll bei der mRSI-Intubation routinemäßig durchgeführt werden. Dies ist besonders beim Patienten mit Wassereinlagerungen (Ödeme, Aszites) von großer Wichtigkeit, da gerade bei diesen Patienten die benötigte Menge Muskelrelaxans höher ist. Wenn der „single twitch“ in der Relaxometrie, gemessen am M. adductor pollicis auf Null abgefallen ist, sind sehr gute Intubationsbedingungen zu erwarten [16].

Diskussionen um „priming“ [3] bei Kindern und Intubationsbedingungen nach 45-, 60- oder 90-s-Wartezeit nach Gabe von Succinycholin oder Rocuronium erübrigen sich dabei von selbst [10, 19, 38, 49]. Das Argument, dass bei schwieriger oder gar unmöglicher Ventilation die Eigenatmung nach Succinylcholin (oder nach Rocuronium-Sugammadex) nach kurzer Zeit wieder spontan einsetzen könnte, mag für gesunde Erwachsene knapp, aber für kleine Kinder mit erheblich verminderten Sauerstoffreserven nicht relevant sein [20, 36, 45].

Akute, heftige Blutungen aus dem Hals-Nasen-Ohren- oder Kieferbereich sind klinische Situationen, in denen die Zeit von der Induktion bis zur Intubation möglicherweise eine Rolle spielt und deshalb auch schnell wirksame Relaxanzien wie Succinycholin bzw. hoch dosiertes Rocuronium bevorzugt werden.

Endotracheale Intubation

Der Umfang der Anästhesieausrüstung zur RSI-Intubation ist lokal unterschiedlich geregelt. Sinnvollerweise werden bereits bei den Vorbereitungen zwei funktionstüchtige Laryngoskopgriffe, zwei unterschiedliche Laryngoskopspatel, ein passender Führungsdraht in Griffnähe bereitgestellt und ein großlumiger Absaugkatheter oder Sauger am OP-Tisch angebracht. Für die RSI-Intubation haben sich Kindertuben mit Cuff etabliert, um das Risiko eines zu großen Tubus zu minimieren und andererseits die Trachea sofort zuverlässig abzudichten [35, 59].

Die direkte Laryngoskopie erfolgt erst nach Überprüfung und Korrektur der Anästhesietiefe, der Hämodynamik, der Oxygenation und der Muskelrelaxation. Bei optimierter Oxygenation verbleibt dann genügend Zeit für eine schonende, atraumatische Intubation. Eine Führungshilfe ist nicht zwingend im Voraus einzuführen, sollte aber für den sehr seltenen Fall einer unerwartet schwierigen pädiatrischen Intubation bereitliegen. Vorsichtiger Larynxdruck soll falls nötig angewendet werden, um bei der Intubation eine optimale Sicht auf die Stimmbänder und damit eine im ersten Versuch erfolgreiche, atraumatische Intubation der Trachea zu ermöglichen.

Nach der Intubation soll die Tubusmanschette sofort geblockt werden, um eine Aspiration zu vermeiden. Nach der Sicherung der Atemwege soll der Magen mithilfe einer großlumigen Magensonde oder eines Absaugkatheters entlastet bzw. drainiert werden.

Schlussfolgerungen

Die klassische Ileusintubation aus der Erwachsenenanästhesie lässt sich nicht ohne Modifikation auf Kinder übertragen. Wichtige Elemente einer an die Kinderanästhesie adaptierten, modifizierten RSI-Intubation sind die suffiziente schnelle i.v.-Anästhesieeinleitung mit sofortiger Muskelrelaxation, die sanfte Maskenbeatmung mit Druckbegrenzung bei 10–12 cm H2O und die atraumatische Intubation unter kontrollierten Bedingungen bei vollständiger Muskelrelaxation. Diese Grundsätze werden in der Institution der Autoren als so genannte modifizierte oder kontrollierte RSI-Intubation seit Jahren erfolgreich angewendet [60].

Die Vermeidung von Hypoxämie, überstürzter, unkontrollierter und traumatischer Intubation mithilfe einer sanften Maskenbeatmung muss auch beim Kind mit vollem Magen über das kleinere Risiko einer Aspiration gesetzt werden. Eine Aspiration wird definitiv nicht durch eine sanfte Maskenbeatmung, sondern durch ungenügende Anästhesietiefe und Atemwegsmanipulationen bei ungenügender Muskelrelaxation verursacht!

Dieses Umdenken hat bei vielen Anästhesisten bereits stattgefunden und wurde vom wissenschaftlichen Arbeitskreis Kinderanästhesie (WAKKA) der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) in den neuesten Handlungsempfehlungen zur Anästhesieeinleitung und Intubation des nichtnüchternen Kindes übernommen [43].

Fazit für die Praxis

Die klassische Ileusintubation aus der Erwachsenenanästhesie darf nicht ohne Modifikation auf Kinder übertragen werden. Wichtige Elemente einer für die Kinderanästhesie modifizierten RSI-Intubation sind die suffiziente schnelle i.v.-Anästhesieeinleitung mit sofortiger profunder Muskelrelaxation, die sanfte Maskenbeatmung mit Druckbegrenzung bei 10–12 cm H2O und die atraumatische Intubation mit einem gecufften Tubus. Die Vermeidung von Hypoxämie, überstürzter und traumatischer Intubation mithilfe einer sorgfältigen Maskenbeatmung muss auch beim Kind mit vollem Magen über das kleinere Risiko einer Aspiration gesetzt werden. Eine Aspiration wird definitiv nicht durch eine sanfte Maskenbeatmung, sondern durch Erbrechen und Regurgitation bei ungenügender Anästhesietiefe und unvollständiger Muskelrelaxation verursacht! Die Kapitel über die pädiatrische RSI-Intubation müssen in den zukünftigen Standardanästhesielehrbüchern neu geschrieben werden [22]!

Interessenkonflikt

Der korrespondierende Autor gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Copyright information

© Springer Medizin Verlag 2007