HNO Nachrichten

, Volume 42, Issue 2, pp 16–16

Schwere Nebenwirkungen von Medikamenten: Risiko steigt mit dem Alter

  • Joachim Zeeh
Literatur kompakt

DOI: 10.1007/s00060-012-5034-4

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Zeeh, J. HNO Nachrichten (2012) 42: 16. doi:10.1007/s00060-012-5034-4
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Betagte Patienten, die mehrere Medikamente einnehmen, haben ein besonders hohes Nebenwirkungsrisiko. Eine US-amerikanische Studie förderte nun zu Tage, welche Komplikationen bei welchen Patienten am häufigsten auftreten.

Jedes Jahr ereignen sich in den USA 270.000 Medikamenten-Notfälle, etwa 100.000 davon so schwer, dass eine Krankenhausaufnahme erforderlich wird. Eine von 67 notfallmäßigen Krankenhausaufnahmen erfolgt wegen Medikamentennebenwirkungen. Ein nationales Projekt soll die Anzahl vermeidbarer Krankenhauseinweisungen bis 2013 um 20% zu reduzieren. Im Rahmen des Projekts untersuchten amerikanische Forscher den Zusammenhang zwischen Alter und dem Risiko, eine schwere Medikamentennebenwirkung zu erleiden.

Demnach steigt das Nebenwirkungsrisiko mit dem Alter und mit der Zahl der eingenommenen Medikamente. Am häufigsten waren Blutungskomplikationen unter oraler Antikoagulation. Damit war Warfarin (vergleichbar mit unserem Phenprocoumon) für die alten Patienten das gefährlichste Medikament (verantwortlich für 33,3% der Krankenhauseinweisungen), gefolgt von Insulinen (13,9%), Thrombozytenaggregationshemmern (13,3%) und oralen Antidiabetika (10,7%).

Kommentar: Krankenhauseinweisungen wegen Medikamentennebenwirkungen zählen bei älteren Menschen — nicht nur in den USA, sondern auch bei uns — zu den häufigsten Gründen für eine Krankenhauseinweisung. Von den über 65-Jährigen nehmen 40% fünf bis neun und 18% sogar zehn und mehr Medikamente ein. Wegen altersbedingter physiologischer Veränderungen und einer verminderten Widerstandskraft gegen externe Stressoren wie zum Beispiel Medikamente haben ältere Menschen ein über siebenfach höheres Risiko, eine Medikamentennebenwirkung zu erleiden, die eine notfallmäßige Krankenhauseinweisung erforderlich macht.

Je älter der Patient, desto kritischer wird das Verhältnis zwischen erwünschten und unerwünschten Medikamentenwirkungen. Die leitliniengerechte Therapie eines 65-Jährigen ist nicht auf den gebrechlichen 85-Jährigen übertragbar. Die Indikation zur oralen Antikoagulation sollte beispielsweise beim gebrechlichen Hochbetagten besonders kritisch und erst nach sorgfältigem geriatrischen Assessment gestellt werden.

Eine weitere wichtige Erkenntnis aus der Studie: Negativlisten mit Medikamenten, die für alte Menschen prinzipiell ungeeignet sind, helfen uns kaum weiter. Nur ein kleiner Teil der Nebenwirkungen wurde von solchen negativ gelisteten Arzneien verursacht. Die Hauptgefahr geht von Medikamenten aus, die aus der Altersmedizin nicht wegzudenken sind. Ihr sorgfältig abgewogener Einsatz — nicht alles für jeden — ist der Schlüssel zum Erfolg. Das geriatrische Assessment hilft wesentlich bei der Entscheidung „Wen sollte ich behandeln und wen besser nicht?“

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Hohes Nebenwirkungsrisiko: Multimedikation bei älteren Patienten

© Klaus Rose

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© Urban & Vogel 2012

Authors and Affiliations

  • Joachim Zeeh
    • 1
  1. 1.Geriatrische Fachklinik GeorgenhausMeiningenDeutschland