NTM Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin

, Volume 19, Issue 2, pp 201–234

Rezensionen/Reviews

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DOI: 10.1007/s00048-011-0050-9

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N.T.M. (2011) 19: 201. doi:10.1007/s00048-011-0050-9

Sylvia Berger 2009:Bakterien in Krieg und Frieden. Eine Geschichte der medizinischen Bakteriologie in Deutschland 1890-1933. Göttingen: Wallstein, brosch., 476 S., 46,90 €, ISBN-13: 978-3-83530-556-4.

Marianne Hänseler 2009:Metaphern unter dem Mikroskop. Die epistemische Rolle von Metaphorik in den Wissenschaften und in Robert Kochs Bakteriologie. Zürich: Chronos, geb., 208 S., 31 €, ISBN-13: 978-3-03400-924-9.

Aus den von Philipp Sarasin an der Universität Zürich geleiteten Forschungen zur Geschichte der Bakteriologie, die bereits zu einem breit rezipierten Sammelband Bakteriologie und Moderne. Studien zur Biopolitik des Unsichtbaren (Suhrkamp 2007) geführt haben, sind von zwei der Mitherausgeberinnen 2009 weitere Bücher erschienen, nämlich ihre trotz ähnlicher Ausgangspunkte sehr verschiedenartigen Dissertationen.

Silvia Berger bewältigt mit bewundernswerter Souveränität die Mammutaufgabe, für den ganzen Zeitraum von ihrer Entstehung bis zum Ende der Weimarer Republik und sogar darüber hinaus die intellektuellen und zu einem großen Teil auch institutionellen Entwicklungen der deutschsprachigen Bakteriologie zu untersuchen. Dabei orientiert sie sich ausdrücklich an Ludwik Fleck, bringt aber mit ihrer Frage nach Praktiken, Resonanzen, Metaphern und dem Prekären auch jüngere wissenschaftshistorische Ansätze in sozialkonstruktivistischer Tradition und aus der neuen Kulturgeschichte mit ein. Flecks Theorem des Denkkollektivs und -stils, das ja vor allem im Kontext von Bakteriologie und Immunologie entstanden ist, erweist sich dabei einmal mehr als durchaus geeignet, „Konfiguration“, „Verstetigungen“ und „Destabilisierung“ im Schicksal eines auf starke Grundannahmen gestützten Fachgebiets plausibel zu beschreiben und zu erklären.

Die Arbeit ist zum einen vor allem deshalb bedeutsam, weil sie nach der in anderen Studien, so vor allem durch Christoph Gradmann, bereits geleisteten Forschungsarbeit zur Gründerfigur Robert Koch und seinen unmittelbaren Weggefährten die Denkwege weiterer Schüler (und Gegner) über fast ein halbes Jahrhundert analysiert. Dadurch wird noch deutlicher, dass es keineswegs nur, vielleicht nicht einmal hauptsächlich die lange ausbleibenden therapeutischen Erfolge waren, die am Ansehen der Bakteriologie kratzten. Vielmehr wiesen Forschungen im Labor wie in der Epidemiologie zahlreiche Widersprüche zu zentralen Behauptungen der Koch’schen Bakteriologie auf, was diese als unumstößliche Wahrheit fragwürdig werden ließ. Die Monopolstellung der Bakterien als alleiniger Krankheitsursache, ihre Spezifität für bestimmte Krankheitsbilder oder die Bedeutung der Keimträgerzahl im Seuchenverlauf hielten näherer empirischer Überprüfung nicht stand.

Zum anderen besteht ein besonderes Verdienst Bergers darin, die Erklärungen für den Übergang von der gesundheitspolitischen Vorherrschaft der Bakteriologie im Kaiserreich zur neuen Dominanz von Sozial- und Rassenhygiene in der Weimarer Republik durch den Nachweis der ambivalenten Funktion des Ersten Weltkriegs um wichtige Faktoren zu bereichern. Während die teilweise außerordentlich aufwändigen Maßnahmen der Seuchenkontrolle im Wesentlichen den Vorgaben der klassischen Bakteriologie folgten, standen die gemachten Beobachtungen allzu oft im Gegensatz zu ihr. Die durch unkontrollierte Rückkehr zu erwartenden Epidemien traten nicht ein, stattdessen war man gegen die Spanische Grippe am Kriegsende machtlos.

Infolgedessen wurde das schon vor dem Krieg bestehende Interesse an Wirtsfaktoren im Gegensatz zur ausschließlichen Konzentration auf die Erreger verstärkt. Je nachdem, ob die entscheidenden Eigenschaften eher in der ererbten oder der erworbenen Konstitution des Wirts gesehen wurden, ging die Handlungsoption Richtung Rassen- oder Sozialhygiene, wobei Mischformen bekanntlich keineswegs ungewöhnlich waren. Die dem Geist ihres Gründers verpflichteten Mitarbeiter des Robert-Koch-Instituts standen zumeist beiden Richtungen eher ablehnend, oft geradezu verständnislos gegenüber.

Gegenüber dem wissenschaftshistorischen Ansatz von Berger wählt Marianne Hänseler einen Grenzgang zwischen Geschichte und Philosophie: zwischen einer in vielen Punkten, bis hin zu den ausgewählten Zitaten, Berger ähnlichen Darstellung des bakteriologischen Denkstils auf der einen Seite und einer metapherntheoretischen Diskussion auf der anderen. Dieser theoretisch anspruchsvolle Ansatz führt im empirischen Teil dazu, die Zahl der bakteriologischen Quellentexte stark zu beschränken. So geht es dabei nur um Veröffentlichungen von Koch selber, so dass der spätere Wandel der bakteriologischen Sprache zu einer Metaphorik von Symbiose und Gleichgewicht ausgeklammert bleibt.

Für den eher wissenschaftshistorisch vorgebildeten Leser können die im zweiten und im letzten der vier Kapitel angeordneten metapherntheoretischen Ausführungen, die sich nach einem kurzen philosophiehistorischen Abriss neben der jüngsten spezialisierten Metapherntheorie auf Philosophen wie Hans Blumenberg und Paul Ricoeur stützen, sehr anregend sein. Sie zeigen nämlich in mehrfachen Annäherungen an die Problematik, wie nicht nur wissen(schaft)ssoziologische, sondern eben auch genuin philosophische Bewegungen die vermeintlich eindeutigen Begriff-Objekt-Zuordnungen zugunsten von mehrfachen Relationen auflösten, die sich dann nur noch durch die Berücksichtigung der Kontexte bestimmen lassen. Die Metapher bildet in solchen Konzeptionen nicht mehr einen anschaulicheren, aber vielleicht absichtlich weniger präzisen Gegensatz zum Begriff. Die Metapher wird darin möglicherweise sogar ein notwendiges Moment dafür, durch eine Bedeutungsverschiebung neue Erkenntnis zu gewinnen. Sie ersetzt also nicht einfach etwas anderes, sondern bringt bisher verschiedene „semantische Felder“ zusammen, in asymmetrischer wie auch symmetrischer Weise. Ein angemessenes Verständnis der Funktion von Metaphorik ist so keine Spezialfrage, sondern berührt die Grundlagen einer zeitgemäßen Erkenntnistheorie überhaupt. Entsprechend geht es in den historiographischen Teilen darum, für Kochs Metaphern die Herkunft aus Alltag, Krieg und Politik, die doppelte Funktion, sowohl fachpolitisch den Wandel von der Labor- zur praktischen Wissenschaft als auch gesundheitspolitisch die Vernichtungsabsicht und Siegesgewissheit zu markieren, und die erkenntnistheoretischen wie auch sozialen Auswirkungen herauszuarbeiten.

Mehrfach wird von Hänseler die Frage angesprochen, inwieweit Kochs Kriegsmetaphorik eher der Popularisierung oder aber hauptsächlich der wissenschaftlichen Argumentation dient. Gegenüber Christoph Gradmanns Betonung der popularisierenden Funktion verschiebt die Autorin die Funktion der Metapher zugunsten einer stärker erkenntnisleitenden Bedeutung. Zur Beurteilung der epistemischen Rolle der verwendeten Metaphern dürfte jedoch die Unterscheidung zwischen der erkenntnisorientierten frühen Bakteriologie Kochs und seinen direkt auf „Seuchenbekämpfung“ ausgerichteten späteren Publikationen entscheidend sein. Die militärische Ausdrucksweise ist dann im Vergleich möglicherweise doch weniger „epistemisch-konstitutiv“ als es die Alltags- und Migrationsmetaphorik der frühen Phase („nicht intentionale Metaphorik“) war. Die implizierte Frage nach dem kausalen Gefälle (Wählte Koch die militärische Sprache, weil er Bekämpfung wollte, oder führte ihn umgekehrt die militärische Begrifflichkeit zu einer militärischen Vorgehensweise?) wird wohl nie in eine Richtung zu beantworten sein. Weniger Zweifel besteht an den späteren, lange nach Kochs Tod eintretenden Konsequenzen aus der Verknüpfung der verschiedenen Metaphoriken, die den semantischen Feldern des Fremden, des Krankmachenden und des Feindlichen entstammen. Wenn das Bewusstsein für den metaphorischen Charakter verloren geht oder absichtlich ausgeschaltet wird und ein wörtliches Verständnis die Oberhand gewinnt, wird die bei „einwandernden“ Bakterien- „Populationen“ entstandene Vernichtungsabsicht allzu leicht auf die ursprünglich metapherngebenden Menschengruppen übertragen.

Wie man es erwarten könnte, ist die stärker wissenschaftshistorische Arbeit auch die im Handwerklichen etwas gründlichere. So fehlen bei Hänseler mehrere der im Text erwähnten Werke (so etwa S. 111-113) im Literaturverzeichnis sowie ein Namensregister. Die Wahl überwiegend griechischer Termini wird durchgängig als „Latinisierung“ bezeichnet (S. 45-48), und der Verweis auf die älteren Standardlehrbücher von Erwin Ackerknecht und Roy Porter, um die Rolle von „Pasteur und Koch als Begründer der Bakteriologie“ zu belegen (S. 114), erscheint bei einer ansonsten derart detaillierten Studie kaum adäquat.

Zusammen gelesen, bereichern die Bücher von Berger und Hänseler die Sicht auf die Entwicklung der Bakteriologie um wertvolle Aspekte, weil in dem einen die materialreiche Darstellung den etablierten Mythos vom einmaligen, einsamen Durchbruch weiter zugunsten einer facetten- und kontextreichen Erzählung differenziert und in dem anderen die Fruchtbarkeit einer metapherntheoretische Reflexion dargelegt wird, die mögliche Anschlüsse naturwissenschaftlich-medizinischer Forschung an philosophische Denkfiguren vor allem des späten 20. Jahrhunderts aufweist.

Walter Bruchhausen, Bonn

Nicolas Pethes, Birgit Griesecke, Marcus Krause und Katja Sabisch (Hg.) 2008:Menschenversuche. Eine Anthologie 1750-2000. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, brosch., 779 Seiten, 22 €, ISBN-13: 978-3-518-29450-5.

Birgit Griesecke, Marcus Krause, Nicolas Pethes und Katja Sabisch (Hg.) 2009:Kulturgeschichte des Menschenversuchs im 20. Jahrhundert. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, brosch., 409 Seiten, 14 €, ISBN-13: 978-3-51829536-6.

Die Verbindung von Experimentallogik und Neugier bestimmt in der Moderne nicht nur die naturwissenschaftliche Kultur, sie reicht darüber hinaus vom philosophischen Gedankenexperiment über die experimentellen Künste bis hin zur sozialen und politischen Versuchsanordnung. Es ist daher nur folgerichtig, dass die Untersuchung von Praktiken und Konzepten des Experimentierens seit mehreren Jahren zu einer kulturwissenschaftlichen Horizonterweiterung der Wissenschaftsgeschichtsschreibung geführt hat. Ob dabei die Ausdehnung des Experimentbegriffs kritisch beobachtet oder emphatisch befördert wird – in jedem Fall hat sich ein so weites wie florierendes historisches Forschungsfeld eröffnet.

In dieser Situation sind Überblicksdarstellungen wünschenswert, aber schwer zu produzieren. Eine Synthese, eine Summe oder auch nur eine geordnete Bestandsaufnahme zur Kulturgeschichte des Experiments ist wohl nur noch unter plausibler Beschränkung des Gegenstandsbereichs durchführbar. Beide Bände liefern einen solchen Überblick für das Feld Menschenversuch. Entstanden sind sie als Ergebnisse der DFG-geförderten Emmy-Noether-Forschungsgruppe „Kulturgeschichte des Menschenversuchs“, die zwischen 2003 und 2007 von Nicolas Pethes an der Universität Bonn geleitet wurde. Die umfängliche Doppellieferung ist im Fall der Aufsatzsammlung sehr solide und kenntnisreich und im Fall der Anthologie geradezu fulminant geraten.

Der historische Bogen wird dabei von Johann Gottlob Krügers „Versuch einer Experimental-Seelenlehre“ (1756) bis zu einem Bericht über Otto Mühls kommunardisch-anarchistisches „Paradies-Experiment“ (2001) gespannt. Für den Einsatz Mitte des 18. Jahrhunderts liefern die Herausgeber in ihrem sorgsam argumentierenden Vorwort gute Gründe: Erst mit den wissensgeschichtlichen Umbrüchen um 1750 erscheine „der Mensch“ als epistemisches Objekt, vor allem als Gegenstand empirischer Untersuchungen, womit sich auch sein Status als Erkenntnis-Subjekt ändere. Eben aus diesem Umstand, dass der Mensch Erkenntnisse über sich selbst durch konkrete Untersuchungen an sich selbst oder an seinesgleichen zu erlangen versuchte, bezieht die Kulturgeschichte des Menschenversuchs ihr faszinierendes wie abgründiges Potenzial. Der ‚ganze Mensch’ wurde zum Versuchsgegenstand, in seinen physiologischen und generativen Funktionen ebenso wie als begehrendes, erziehbares und soziales Wesen.

Ein besonderes Verdienst der Anthologie liegt darin, dass die 73 ausgewählten Texte nicht einfach chronologisch, sondern topisch angeordnet sind. Die Ordnungskriterien werden dabei nicht von wissenschaftlichen Disziplinen, sondern von epistemischen Praktiken geliefert. So unterscheiden die Herausgeber folgende neun Kategorien: Erfahrungen machen, Erziehen, Kontrollieren, Leben schaffen/Sterben lassen, Messen, Proklamieren und Protestieren, Schneiden und Heilen, Vernichten, Zusammenleben. Stärker methodologisch ausgerichtete Kapitel wechseln sich mit eher thematischen ab, und unter diesen Themen wiederum werden nah beieinander liegende wie „Erziehen“ und „Zusammenleben“ in der Abfolge der Kapitel weit auseinander gezogen. Auch die „Sektionen“ (eine im Kontext des Menschenversuchs nicht ganz unheikle Bezeichnung), in denen vorwiegend die Versuche am Menschenkörper behandelt werden, stehen nicht unmittelbar, sondern unterbrochen nebeneinander (4, 7, 8). Eingeleitet werden alle Sektionen durch intensive Forschungsdiskussionen. Hinzu kommen Kurzkommentare und weiterführende Literaturangaben zu jeder einzelnen Quelle.

Die daraus resultierende Textsammlung stiftet neue überraschende Zusammenhänge und macht die Anthologie zu einem Lese- und Blätterbuch, mit dem man nicht so bald fertig wird. So bündelt die erste Sektion, die sich dem Thema des Selbstexperiments widmet, Erfahrungsberichte von Humphry Davys Narkoseversuchen um 1800 über Joëls und Fränkels Haschisch-Protokolle aus den 1920er Jahren bis zum Selbstversuch des Psychologen David Rosenhan als „Scheinpatient“ in einer psychiatrischen Klinik um 1970. Die Sektion „Proklamieren und Protestieren“ mit Stellungnahmen für und wider den Menschenversuch reicht von den klassischen Programmtexten der observateurs de l’homme zwischen Erfahrungsseelenkunde und Bernard’scher experimenteller Medizin bis hin zur im Jahre 2000 verabschiedeten medizinethischen „Deklaration von Helsinki“. Unter „Schneiden und Heilen“ finden sich Andrew Ures spektakuläre Elektrisierungsversuche an Hingerichteten aus dem frühen 19. Jahrhundert ebenso wie Christiaan Barnards Bericht über seine erste Herztransplantation. Und im letzten Abschnitt zum „Zusammenleben“ rahmen sozialutopische Texte von Charles Fourier und Theo Altenberg verhaltenspsychologische Untersuchungen von Stanley Milgram und anderen ein.

Einzig den achten Abschnitt, „Vernichten“, haben die Herausgeber von dieser Technik der Jahrhunderte überbrückenden vergleichenden Lektüre ausgenommen und ihn ganz deutlich unter die historische Signatur der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gesetzt. Er enthält Texte von Tätern und überlebenden Opfern: amtliche Briefe, Zeugenaussagen und Erinnerungen. Der Bearbeiterin dieser Sektion, Katja Sabisch, ist die Feststellung wichtig, dass das somit dokumentierte experimentelle Töten auch im weiten Fokus einer Kulturgeschichte des Menschenversuchs „unbestritten in seiner Singularität“ bleibt (S. 644) – einzig die Experimente japanischer Militärärzte an chinesischen Gefangenen zwischen 1936 und 1945 finden hier ebenfalls Erwähnung. Besonders deutlich wird in diesem Kapitel, dass die topische Einteilung des Bandes mit wesentlichen Unterscheidungen in der Sache einhergeht. Man darf dies als Statement der Herausgeber verstehen (durchaus gegen anders lautende historische Einschätzungen): Das mörderische Experimentieren „gegen die Versuchsperson“ (S. 643) ist keineswegs das einzig folgerichtige Ergebnis der Kulturgeschichte des Menschenversuchs, so wie umgekehrt das in dieser reichhaltigen Geschichte produzierte anthropologische Wissen nicht in Gänze durch die singuläre nationalsozialistische Vernichtungspolitik entwertet worden ist.

Der zugehörige Sammelband Kulturgeschichte des Menschenversuchs im 20. Jahrhundert liefert, wie es im Vorwort heißt, eine „exemplarische Vertiefung und Fortführung“ (S. 7) der umfangreichen Quellensammlung. Die vier Herausgeber haben dabei ihre eigene literatur- und kulturwissenschaftliche Expertise durch Beiträge von Biologie- und Medizinhistorikern sowie von Medienwissenschaftlern ergänzt. Etwaige „disziplinäre“ Unterschiede sind erfreulicherweise kaum als solche wahrnehmbar. Vielmehr verdankt sich das hohe Niveau der Beiträge durchweg der gründlichen Lektüre des Materials und der genauen Reflexion seiner wissensgeschichtlichen Einbettung. Einige der Aufsätze befassen sich mit Themen und Texten, die ebenfalls in der Anthologie behandelt werden (Keiichi Tsuneishi über die Menschenversuche der japanischen Armee, Jakob Tanner über Drogen- und Christina Brandt über Klonexperimente, außerdem die Beiträge der Herausgeber), in anderen Aufsätzen werden weitere Aspekte wie die Mensch-Tier-Konfiguration in der experimentellen Humanmedizin (Volker Roelcke), der „motorische“ Menschenkörper in der Arbeitslehre (Stefan Rieger) oder der Kontext des kolonialmedizinischen Diskurses (Wolfgang U. Eckart) betont. Wieder andere Autoren befassen sich mit spezifischen Medienereignissen in der Dokumentation und Präsentation von Versuchen (Margarete Vöhringer über Ivan Pavlov, Christoph Hoffmann und Ramón Reichert über Kurt Lewin). Einer eingehenderen Aufschlüsselung des Experimentbegriffs widmet sich Petra Gehring einleitend mit der „biologischen Politik“ um 1900 und der Frage, inwiefern auch bei einem „Bevölkerungskörper“ von Experimenten die Rede sein könne. Den Abschluss markiert Hans-Jörg Rheinberger mit einer Revision der Konzepte „Experimentalsystem“, „In vitro-Kultur“ und „Modellorganismus“. Hier wird nochmals das Anliegen des Gesamtprojekts besonders deutlich, die historische Bestandsaufnahme von Experimenten, die sich immer in der einen oder anderen Weise als Versuche über die Natur des Menschen verstehen, als eine Kultur-Geschichte anzulegen: denn schließlich, so die Herausgeber, bedeutet jede experimentelle „Erforschung von Phänomenen des Lebens unter Bedingungen des Labors“ immer auch eine „Neujustierung der Grenze zwischen Natur und Kultur“ (S. 15).

Stefan Willer, Berlin

Grégoire Chamayou 2008.Les corps vils. Expérimenter sur les êtres humains aux XVIIIe et XIXe siècle. Paris: La Découverte, brosch., 423 S., 24,50 €, ISBN: 13-978-2-7071-5646-4.

Fiat experimentum in corpore vilia – „Führe Versuche an wertlosen Körpern durch“ war der rhetorische Ausdruck und lang anhaltende Grundsatz von Forschern und Ärzten, die in ihrer Praxis mit Menschenversuchen in Berührung gerieten. Der rote Faden der Studie von Grégoire Chamayou sind jene corpoara viles. Es geht dabei in dieser sehr gut dokumentierten und sachverständigen Abhandlung weniger darum, wie Versuchspersonen zu „Dingen“ einer Versuchsanordnung gedemütigt und umdefiniert werden, als um eine Genealogie von Entwertungspraktiken, die den Zugriff auf menschliche Körper ermöglichen, und der sie legitimierenden Diskurse. Chamayou berichtet in Anlehnung an die Arbeiten von Michel Foucault über eine Machtgeschichte der Medizin und insbesondere der Techniken der „Materialbeschaffung“, die das Experimentieren mit Menschen erst möglich machten.

Einerseits verfolgt Chamayou die „wertlosen Körper“ als sprachlichen Ausdruck durch schriftliche Abhandlungen, die sich direkt oder indirekt von Marc Antoine Muret’s erster Prägung des Ausdrucks bis zu Immanuel Kant und Karl Marx des Begriffs bemächtigen. Auf der anderen Seite versucht der Autor über den Zeitraum von zwei Jahrhunderten denen zu folgen, die als „wertlose Körper“ definiert wurden, und wie über sie verfügt wurde. Aus politischen, rechtlichen, moralischen und praktischen Erwägungen heraus gliedert Chamayou seinen Zeitraum in vier Perioden. Für das 18. Jahrhundert beschreibt er erstens ein Dispositiv des Souveräns, in dem die „Versuchskörper“ als Verdoppelung des Körpers der Herrscher verstanden wurden. Die Zusammenarbeit zwischen Medizin und Strafrecht führte dabei zur Übertragung des Rechts eines Herrschers über Leben und Tod eines Verurteilten auf die Stände der Chirurgen und Ärzte zur Dissektion und Erprobung von Heilmitteln. Von wesentlich weiterer Bedeutung für Zugriffspraktiken in Frankreich war das bereits von Rafael Mandressi beschriebene Edikt von 1707, das Krankenhausvorstehern vorschrieb, den Professoren der medizinischen Fakultäten regelmäßig Leichen zu Demonstrations- und Unterrichtszwecken zur Verfügung zu stellen.

Zweitens eröffnete die mechanisierte Ausführung der Todesstrafe (Guillotine) Ärzten einen neuen Raum für Versuche am menschlichen Körper. Sowohl die Verhängung der Todesstrafe als auch ihre Umwandlung in gefährliche medizinische Versuche an den Verurteilten erfolgten im strafrechtlichen zweiten Dispositiv am Ende des 18. Jahrhunderts im Namen der Gesellschaft und nicht mehr eines Souveräns. Die Zusammenarbeit von Medizin und Strafrecht führt somit zu der utilitaristisch begründeten Möglichkeit, dass eine Todesstrafe durch einen gefährlichen Menschenversuch ersetzt werden konnte. Die Argumente des Ausschlusses des/der Verurteilten aus der menschlichen Gesellschaft („Unmenschlichkeit“), sein/ihr juristischer Ausnahmestatus als rechtlich bereits tote jedoch biologisch noch lebende Person, die Nutzbarmachung der Strafe für die Gesellschaft und die hypothetische Möglichkeit einer Wiedergutmachung begründeten die sich weit über das 19. Jahrhundert hinaus verbreitende Praxis von Menschenversuchen an zum Tode verurteilten Personen.

Das dritte von Chamayou identifizierte, aber in seiner Arbeit allgemeiner abgehandelte Dispositiv ist der im 19. Jahrhundert in Krankenhäusern zu Grunde liegende gesellschaftliche Vertrag der sozialen Hilfe und medizinischen Versorgung. In einem vom Autor als „politische Ökonomie“ bezeichneten Tauschgeschäft ergänzte sich der Solidaritätsvertrag zur Hilfeleistung mit der impliziten Forderung, dass die in Anspruch genommene Hilfeleistung durch körperliche Beihilfe in der medizinischen und therapeutischen Lehre und Forschung zurückgezahlt wurde. Arme Patienten wurden, wie es in der Mitte des 19. Jahrhunderts heißt, zu „Lehr- und Versuchsmaterial“. Der Autor hat die diskursive Analyse als auch den Blick auf die Praktiken in diesem Teil seiner Abhandlung distanzierter und weniger systematisch ausgearbeitet, als im Abschnitt zum 18. Jahrhundert.

Das vierte und abschließende Dispositiv, die Verallgemeinerung der Kontraktualisierung in Form einer schriftlichen Einverständniserklärung nach Aufklärung (informed consent), rahmt Chamayou durch die Darstellung einer Verschiebung des Experimentierens vom Normalen zum Pathologischen (Claude Bernard) und der neuen Grenzziehung zwischen „rein wissenschaftlicher“ Erkenntnis dienendem Experiment versus Heilversuch auf der einen, und der Verlagerung von Menschenversuchen außerhalb der europäischen und nordamerikanischen Metropolen auf der anderen Seite. Imperialismus und koloniale Verwaltung definierten nun neu, was als wertlose Körper angesehen und in welchen gesellschaftlichen Gruppen über sie verfügt werden konnte.

Die Grenzen des Chamayouschen Ansatzes bestehen darin, dass die prinzipielle Frage, was ein Experiment ist und was nicht, intensiver reflektiert wird. Der Menschenversuch wird weitgehend als ahistorische Einheit behandelt, ohne dass wesentlicher Wert auf die Veränderung experimenteller Praktiken gelegt wird. Unter dem Titel „Experimentieren mit Menschen“ gelingt es Chamayou nicht, eine von ihm geforderte „politische Geschichte der wissenschaftlichen Erkenntnisproduktion“ zu schreiben. Aber auch ohne die Beachtung wissenschaftlicher Praktiken stellt diese Arbeit einen interessanten Beitrag zur Geschichte der Rekrutierung von Körpern für Menschenversuche dar.

Christian Bonah, Strasbourg

Milena Wazeck 2009:Einsteins Gegner. Die öffentliche Kontroverse um die Relativitätstheorie in den 1920er Jahren. Frankfurt a. M.: Campus Verlag, brosch., 429 S., 39,90 €, ISBN-13: 978-3-59338-914-1.

Bisherige Studien über die Kontroversen um die Relativitätstheorie haben verdeutlicht, wie sehr sich der Charakter dieser Auseinandersetzungen ab 1920 veränderte. Dies hing teilweise mit gesellschaftlichen und politischen Faktoren zusammen, wurde aber vor allem dadurch ausgelöst, dass die Medienwelt den photogenen Physiker Albert Einstein entdeckte und seine revolutionären Ideen bald als den Anbruch einer neuen Epoche in der Geschichte des menschlichen Wissens feierte. Es folgte eine regelrechte Flut von populären Darstellungen der Relativitätstheorie, die sich oft auf Einsteins 1917 erschienenes Büchlein stützten. Die Gegenreaktion blieb nicht lange aus und führte zu dramatischen Konfrontationen, wie im September 1920 zwischen Einstein und Philipp Lenard auf der Naturforscherversammlung in Bad Nauheim. Die Atmosphäre danach war vergiftet und das Thema Antisemitismus lag nicht nur in der Luft, sondern wurde explizit angesprochen. Der Siegeszug Einsteins aber setzte sich weiterhin fort.

In ihrer bahnbrechenden Studie geht es Milena Wazeck um eine breite soziologische Analyse dieser Kontroverse. Die Autorin versucht die Mentalität der Gegner zu skizzieren, das heißt ihren Motiven und ihrem Selbstverständnis als Naturforscher und Philosophen nachzugehen, wobei sie auch auf ihre jeweiligen Biographien eingeht. Insbesondere hebt sie hervor, dass viele Antirelativisten, trotz ihrer stark divergierenden Auffassungen, in engem Kontakt miteinander standen. Wazeck vertritt die These, dass es eine internationale Anti-Einstein-Bewegung gab, deren Mitglieder allerdings meist nur durch Ressentiments gegen die Vertreter etablierter Wissenschaften zusammengehalten wurden.

Als Grundlage für ihre Recherchen benutzt Wazeck vor allem die Nachlässe zweier Hauptfiguren dieser Bewegung: des Berliner Experimentalphysikers Ernst Gehrcke und des schwedisch-amerikanischen Querdenkers Arvid Reuterdahl. Beide pflegten Netzwerke auf zwei Kontinenten und standen auch miteinander in Kontakt. Um den Charakter der Bewegung zu verdeutlichen, wählte die Autorin 25 repräsentative Figuren aus, die sie zu Beginn des Buches in einer Tabelle vorstellt. Ihren jeweiligen Verhältnissen zu den zwei Hauptakteuren geht sie im abschließenden vierten Kapitel des Buches nach. Wazeck unterteilt die Gegner Einsteins in drei Gruppen. Neben Philosophen wie Oskar Kraus und Vertretern der klassischen Physik wie Lenard und Gehrcke stellt sie als dritten Zweig der Bewegung eine bunte Mischung von Denkern vor, die sie „Welträtsellöser“ nennt, da sie sich auch für ihre jeweiligen exotischen Theorien einsetzten. Man begegnet in diesem Buch daher vielen eigenartigen Persönlichkeiten, wie etwa dem Kneipparzt Franz Kleinschrod oder dem Mystiker Robert T. Browne. Sie geht auf diese Personen ein, um klar zu machen, dass es sich um eine reine Gegenbewegung handelte, die vor allem durch die wissenschaftliche Marginalisierung ihrer Mitglieder zusammengehalten wurde. Dazu gehörten auch Reuterdahl und andere Amateure, die mit ihm verbündet waren.

Die Verfasserin gibt im ersten Kapitel ihres Buches eine Darstellung der historischen Hintergründe der deutschen Welträtsellöser, wobei sie nicht nur auf Ernst Haeckel, sondern auch auf die naturwissenschaftliche Tradition der Romantik verweist. Bezogen auf die antirelativistische Bewegung ist diese Interpretation neu und aufschlussreich. Wie konfus und widerspruchvoll die Bewegung war, kann man jedoch nur dann erkennen, wenn man versucht, die Schriften ihrer aktivsten Propagandisten, zum Beispiel von Gehrcke oder Stjepan Mohorovičić, kritisch zu lesen. Statt einer solchen Lektüre bietet Wazeck im dritten Kapitel lediglich eine Zusammenfassung der von den Kritikern der Relativitätstheorie behandelten Themen. Hierbei legt sie den Schwerpunkt weniger auf inhaltlich fundierte Kritikpunkte, von denen es viele gab, sondern auf pauschale, weltanschauliche Thesen, die von den ahnungsloseren Gegnern diskutiert wurden. In Hinsicht auf die von ihr als „Welträtsellöser“ bezeichneten Personen hat sie sicherlich Recht, dass kein Interesse bestand, über die Grundideen der Relativitätstheorie nachzudenken. Für den Personenkreis um Lenard lässt sich diese Behauptung aber nicht aufrecht erhalten.

David E. Rowe, Mainz

Cathryn Carson 2010:Heisenberg in the Atomic Age. Science and the Public Sphere. New York: Cambridge University Press, geb., 558 S., 71,80 €, ISBN-13: 978-0-52182-170-4.

Cathryn Carson hat ein großes und wichtiges Buch über Werner Heisenberg und die deutsche Wissenschaft geschrieben. Es schließt die Lücke, die David Cassidys Biographie Uncertainty. The life and science of Werner Heisenberg (1992) gelassen hat. Den Rahmen des neuen Buches bilden eine kurze Einleitung mit dem biographischen Hintergrund und die These, dass Heisenbergs Beispiel, obwohl kaum repräsentativ für alle Physiker der Zeit, dennoch den Möglichkeitsraum ihres Handelns aufzeigen könne, und ein knapper Schlussteil über „Wissenschaftliche Vernunft in der öffentlichen Sphäre“. Hier wird gezeigt, wie Heisenberg sich letztlich Martin Heidegger geschlagen geben musste, denn aus Physik allein ließ sich noch keine moralische Richtschnur ableiten. Den Kern des Buches bilden zwei monumental anmutende Teile über „Kultur“ und „Politik“, die systematische Perspektiven verfolgen, so in den Kapiteln zum „Wissenschaftler als Bildungsbürger“, über „Physik als Philosophie“ oder „Bildung als Konsumgut“. Damit wird die übliche biographische Chronologie aufgebrochen und die Analyse der deutschen Nachkriegskultur rückt auf verschiedenen Ebenen in den Mittelpunkt.

Im Zentrum steht nicht das wissenschaftliche Werk, sondern das öffentliche Wort. Es wird durch „Verstärkungstechnologien“ in die öffentliche Sphäre getragen, wobei kulturelle und wissenschaftliche Verstärkungstechnologien gekoppelt wurden und zuweilen zu „schrillen Rückkopplungen“ führten, die auch auf Heisenbergs Art, Physik zu betreiben, „widerhallten“ (S. 115). Das bildungsbürgerliche Modell der öffentlichen, an ein akademisches Publikum gerichteten Rede transformierte Heisenberg in philosophischen Vorträgen und Schriften. Er trat in intellektuelle Kreise ein, die von Heidegger, Habermas oder Schelsky dominiert wurden und seine Reflektionen spiegelten nun die Probleme von Cassirer, Husserl und Heidegger. Letzterer interessierte sich für Heisenberg und machte ihn zum „modernen Physiker“ dessen theoretische Physik nichts als „reine Technologie“ sei, unfähig, ihr eigenes Wesen zu verstehen („Wissenschaft denkt nicht“, S. 110 f.). Ähnlich gestaltete sich auch Heisenbergs (forschungs-)politisches Engagement. Im Teil über Politik schildert die Autorin zunächst die Institutionengeschichte nach dem Krieg. Aus stiller Beratung wurde mit den „Göttinger Achtzehn“ öffentliche Aktion, die ein Ende des Konsensmodells ankündigte, das nicht nur für den meritokratisch legitimierten Einfluss der Wissenschaftler galt, sondern auch für das Schweigen zur Haltung der Wissenschaftler im Nationalsozialismus. Das Buch entfaltet seine volle Stärke in der Analyse dieses Redens (und Schweigens) über das „Dritte Reich“ in Bezug auf Kriegsforschung, Entnazifizierung und Nachkriegsstilisierungen etwa durch Roberts Jungk oder durch Heisenberg selbst gegenüber Niels Bohr und Samuel Goudsmit.

Carson gelingt ein dichter, souveräner und thesenstarker Text, der lohnende Perspektiven für eine weitere Beschäftigung mit der deutschen Nachkriegswissenschaft anbietet, aber auch Fragen aufwirft. So war die Physik spätestens seit der Quantenmechanik ein kollektives Unternehmen, doch werden selten Vergleiche etwa zu Born, Hahn oder Schrödinger gezogen, die alternative Wege bestritten und als Heisenbergs „Kollegen“ oder „seine Kohorte“ verschwinden. Auch schildert Carson einen Aufstieg der Wissenschaft nach 1945, der mit einer Leserevolution einherging. Doch ist das ein Anknüpfen an die Zwischenkriegszeit – etwa steht dem Rowohlt-Taschenbuch das Kosmos-Bändchen gegenüber und Wissenschaft war im Weimarer Radio präsenter als nach 1945. Schließlich hatte Cassidy noch für eine unphilosophische Deutung Heisenbergs plädiert, um die Wissenschaftspraxis stärker in den Blick zu nehmen. Hier hätte zum Beispiel interessiert, welche Rolle die Kooperation mit Kernphysikern im Spanien Francos während des deutschen Forschungsverbots gespielt hat oder warum sich Heisenberg vom Mainstream der theoretischen Physik abgekoppelte.

Arne Schirrmacher, Berlin

Stefan Krebs 2009:Technikwissenschaft als soziale Praxis. Über Macht und Autonomie der Aachener Eisenhüttenkunde, 18701914. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, geb., 472 S., 72 € ISBN-13: 978-3-51509-348-4.

Die Angebote des Soziologen Pierre Bourdieu, die Wissenschaftsgeschichte auf die gesellschaftliche Bedingtheit ihrer Disziplinen zurückzuführen, haben polarisiert. Die Historiker, die Bourdieu ablehnen, unterstellen häufig, dass eine Sozialgeschichte der Wissenschaften auch ohne die Konstrukte des kulturellen, symbolischen, ökonomischen und sozialen Kapitals zu den gleichen Ergebnissen gelangt. Stefan Krebs hat eine Dissertation vorgelegt, die die Bourdieu’sche Theorie auf die Herausbildung der Eisenhüttenkunde anwendet.

Zwei wesentliche Hindernisse stehen der glatten Anwendung Bourdieus im Wege: Technikwissenschaften werden im Homo academicus von Bourdieu gar nicht thematisiert. Krebs löst dieses Dilemma mit einer systematischen Überlegung: Analog zu Jura und Medizin definiert er die Technikwissenschaften als „wissenschaftlich beherrschte, aber gesellschaftlich dominante Fakultäten“, und auch historisch sei von „innigen Wechselwirkungen zwischen dem ingenieurwissenschaftlichen und dem ökonomischen Feld auszugehen“ (S. 44). Tatsächlich fällt es dem Autor nicht schwer, die gegenseitige Bedingtheit auch der Eisenhüttenkunde und des ökonomischen Feldes herauszuarbeiten.

Das zweite Hindernis betrifft das Ansinnen, Bourdieu auf einen historischen Fall der Disziplingenese anzuwenden. Hier bringt Krebs das Dresdener Konzept der Herausbildung wissenschaftlicher Disziplinen ins Spiel. Er hofft, die Schwächen des Dresdener Ansatzes, in dem – entsprechend der materialistischen Geschichtsauffassung – in erster Linie die gesellschaftlichen Verhältnisse und weniger die Akteure als historisch wirkmächtig verstanden werden, durch Bourdieus Kategorien sinnvoll ergänzen zu können. Bedarf es doch Bourdieu zufolge machtbewusster Persönlichkeiten, um sich im Streit um Gegenstandsorientierung, Institutionalisierung und Selbstreproduktion als überlegen zu erweisen.

Als drittes Standbein seiner theoretischen Überlegungen übernimmt Krebs den Ansatz von Mitchell G. Ash, das wilhelminische Wissenschaftssystem sei als „modernes Ressourcenensemble“ zu verstehen. Ash geht es um die „innige Verbindung der Wissenschaft mit der Politik: Wissenschaft sollte im Kaiserreich zur Ehre und Macht des Deutschen Reiches beitragen.“ (S. 34) Diese Verhältnisse untersucht Krebs minutiös und entlang der stadialen Einteilung der Disziplingenese – Vorgeschichte, Herausbildung, Transition und Konsolidierung – am Beispiel der Eisenhüttenkunde.

Die Arbeit liest sich in weiten Teilen wie eine traditionell aufgestellte Institutionen- und Disziplinengeschichte. Einzelne Abschnitte werden als dichte Beschreibung aus den archivalischen Quellen nacherzählt. Wer sich die Details der Machtkämpfe zwischen den Lehrstuhlinhabern in den Hochschulgremien oder auch die Auseinandersetzungen zwischen Hochschulvertretern, dem Verein Deutscher Eisenhüttenleute (VDEh) und dem preußischen Kultus ersparen will, kann sich auf die Zusammenfassungen der einzelnen Unterabschnitte beschränken. Gerade diese bilden ein freundliches Angebot an die Bourdieu-Skeptiker. In präziser Weise transponiert Krebs die jeweils hergeleiteten Befunde in die Begrifflichkeiten Bourdieus und erzeugt ein Substrat, das den Ertrag seines theoretischen Ansatzes zuspitzt.

Dürre, der erste Inhaber des Lehrstuhls für Eisenhüttenkunde, überwarf sich mit dem VDEh und verschenkte sein soziales und kulturelles Kapital. Die Verleihung von Ehrentiteln durch die TH Aachen wurde in der Stahlindustrie als hochwillkommene Würdigung von Industriellen durch die Wissenschaft begriffen. Dürres Nachfolger Wüst, der diese Ehrungen gezielt für seine Interessen zum Einsatz brachte, schuf sich damit kulturelles Kapital im ökonomischen Feld.

Jenseits der starken Persönlichkeiten eröffnet die Einführung wissenschaftlicher Forschung im Hochschullabor tiefere Einblicke in die soziale Praxis einer Technikwissenschaft. Nicht nur generierten die auf Forschungsarbeiten ruhenden Abschlüsse neues institutionalisiertes kulturelles Kapital, sondern sie waren gleichzeitig die Ursache des von Aachen ausgehenden Impulses der Diszplingenese. Das Institut akkumulierte wissenschaftliches Kapital, indem sich die „Originalarbeiten aus den Hochschullaboratorien […] auf dem eisenhüttenkundlichen Feld als neue Währung“ etablierten und Aachen eine „zentrale Machtstellung“ verschafften (S. 370).

Insgesamt gelingt es Krebs, auf überzeugende Weise zu beantworten, „warum die Konsolidierung der Eisenhüttenkunde nach der Jahrhundertwende ausgerechnet in Aachen einsetzte und warum sie sich mit solch gewaltigem Abstand zu den anderen – älteren und angeseheneren – Standorten vollzog.“ (S. 425) Aachen war nicht nur erfolgreicher bei der Akkumulation von Kapital im Bourdieu’schenSinne, sondern verfügte mit Wüst auch über eine im habituellen Sinne bei den politisch und ökonomisch Mächtigen durchsetzungsfähige Wissenschaftlerpersönlichkeit. Schließlich gelang es Wüst, den nomos der Eisenhüttenkunde aus der Abhängigkeit vom ökonomischen Feld zu lösen und sie als unabhängig „von wirtschaftlichen und politischen Machtinstanzen“ zu etablieren (S. 434).

Helmut Maier, Bochum

Mikael Hård und Thomas J. Misa (Hg.) 2008:Urban Machinery. Inside Modern European Cities. Cambridge, MA: The MIT Press, geb., 351 S., 48 Abb., $ 22,50 ISBN-13: 978-0-262-51417-0.

Der Titel des Sammelbandes deutet es schon an: Hier soll keine Stadtgeschichte im konventionellem Sinne betrieben werden. Der Schwerpunkt liegt auf der Technik, freilich in enger Verbindung mit Wirtschaft und Gesellschaft, angereichert mit politischen und kulturellen Aspekten. Es geht, wie die Herausgeber in ihrer gelungenen Einleitung deutlich machen, um die gesellschaftlichen Kräfte, die materiellen Strukturen und die kulturellen Praktiken, welche die moderne europäische Stadt hervorgebracht haben. Ausgehend von den konzeptionellen Leitlinien Europa, Technik und Stadt geht es ferner darum, die Zirkulation und Aneignung von Wissen im Spannungsfeld von Homogenisierung und Differenzierung zu untersuchen. Französischen Kulturtheoretikern folgend, wird beim Untersuchungsgegenstand eine Unterscheidung in Institutionen, Diskurse und Praxis nahegelegt.

Die zwölf Beiträge des Bandes setzen die konzeptionellen Vorgaben der Herausgeber unterschiedlich um. In Konzeption und Diktion am engsten daran angelehnt ist der Beitrag von Mikael Hard und Markus Stippak über die diskursive Verarbeitung des Bildes deutscher Städte in Großbritannien und den USA, was freilich um den Preis einer eher starren Gliederung und eines dezidiert poststrukturalistisch korrekten Jargons erfolgt. Andere Beiträge, etwa der differenzierte Aufsatz von Dieter Schott über die Elektrifizierung europäischer Städte, der aspektreiche Beitrag Martina Heßlers über die von witzigen Zeitgenossen auch „Akademgorod“ oder „Novigarchinsk“ genannte Wissenschaftsstadt Garching zwischen Tradition und US-amerikanischem Vorbild sowie Per Lundins wichtige Untersuchung „autogerechter“ europäischer Stadtplanung nach amerikanischem Vorbild nehmen sich größere konzeptionelle Freiheiten heraus, was ihnen aber durchweg gut bekommt. In weiteren gelungenen Aufsätzen behandeln Pal Germuska und Dagmara Jajesniak-Quast die sozialistische Stadtplanung in Ungarn beziehungsweise Stahlstädte in Osteuropa zwischen sowjetischem Vorbild und westlichen Einflüssen; Noyan Dinckal untersucht den Modernisierungsprozeß von Teilen Istanbuls nach teilweise französischem Vorbild, Thomas J. Misa modernistische Architektur in den Niederlanden und der Tschechoslowakei – hier wären weitere Illustrationen nützlich gewesen – und Paolo Capuzzo setzt sich mit europäischen Städten als Konsumzentren und Stätten des Tourismus bis hin zum scheußlichen Tiefpunkt Torremolinos Ende der 1970er Jahre auseinander. In einem geschickt aufgebauten Beitrag behandelt Cornelis Disco die Entwicklung der Schifffahrt auf dem Oberrhein mit den Verbindungen, aber auch der Konkurrenz, die zwischen den Städten Mannheim, Straßburg und Basel geschaffen wurde, während sich Hans Buiter den Einflüssen auf die Stadt- und Straßenplanung in den Niederlanden zuwendet. Den Abschluss bildet ein Beitrag Andrew Jamisons zum Thema Umweltbewegung und Städte von Mumford bis Malmö, wobei man allerdings seinem Urteil über Calatravas „Turning Torso“ in Malmö als Musterbeispiel technologischer Hybris nicht unbedingt folgen muss.

Insgesamt handelt es sich um einen sehr gelungenen Band, der manche neuen Erkenntnisse bietet. Die Untersuchung weiterer Themen wäre möglich gewesen und böte sich an: Verwaltungskomplexe von Städten und Unternehmen, Kulturzentren, Sport- und Freizeitanlagen oder Messehallen. Der gut redigierte Band bietet einen gewichtigen Beitrag zu einem zentralen technik-, wirtschafts-, sozial- und kulturgeschichtlichen Problem.

Hans-Joachim Braun, Vancouver

Andre Wakefield 2009:The Disordered Police State. German Cameralism as Science and Practice. Chicago: The University of Chicago Press, geb., 240 Seiten, 36,99 €, ISBN-13: 978-0-22687-020-5.

Andre Wakefield hat ein herausforderndes, kurzweilig geschriebenes Buch über ein historisches Thema vorgelegt, das seit mehr als hundert Jahren Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Monographien und Aufsätze ist, in denen fast ebenso viele unterschiedliche Auffassungen vertreten werden was Kameralismus war, ob und wie er sich vom Merkantilismus innerhalb und außerhalb der deutschsprachigen Länder unterschied, ob er eher eine ökonomische oder eine staatswissenschaftliche Theorie war, ob er überhaupt eine Theorie oder nicht eher eine kulturelle Bewegung oder Ideologie war, ob sich die alten Kameralisten des 17. Jahrhunderts von den neuen des 18. Jahrhunderts signifikant unterschieden und so fort. Nur wenige Autorinnen und Autoren haben versucht, den ideengeschichtlichen Ansatz aufzubrechen und über die Interpretation von Texten hinaus auch die Praxis der Kameralisten einzubeziehen. Letzteres hat Wakefield, gestützt auf ein enormes Lektürepensum von Archivmaterialien und veröffentlichter Primär- und Sekundärliteratur, geleistet. Allein darin liegt schon ein großes Verdienst. Das Buch ist mutig interdisziplinär angelegt, wobei sich der Autor hauptsächlich an ideologiekritischen und praxisorientierten Ansätzen in der Kultur-, Wissenschafts- und Technikgeschichte orientiert.

Das erste Kapitel gibt einen Einblick in die Sekundärliteratur und diskutiert die eigenen Fragestellungen. Welche Art von Wissen produzierten die Kameralisten? Dazu stellt Wakefield eine innovative wissenschaftshistorische These auf: Die kameralistische Praxis und ihre Institutionen waren „a hothouse for certain kinds of knowledge“ und „provided support for a whole array of chemical and earth sciences“ (S. 24). Seine zweite Hauptfrage richtet sich auf das Verhältnis von Theorie und Praxis. Was hatten die Schriften und Theorien der Kameralisten und die universitären Kameralwissenschaften mit der „administrative practice in the fiscal bureaus and collegia of the Holy Roman Empire“ zu tun? (S. 3). So klar formuliert und wichtig diese Frage ist, so zieht sie den Autor in den nachfolgenden Fallstudien jedoch in den Sog eines Demaskierungstheaters, das seine erste Frage in den Hintergrund drängt. Auch Wakefields eindeutige Charakterisierung der Persona des Kameralisten als die eines leitenden Finanzbeamten, dessen Praxis mit „administrativer Praxis“ in der Behörde gleichzusetzten sei, trägt dazu bei, dass die wissenschaftlichen und technischen Aktivitäten der Kameralisten weitgehend ausgeblendet werden.

Die nachfolgenden, material- und facettenreichen Fallstudien zeigen jedoch, dass die Kameralisten des 18. Jahrhunderts nicht nur in der Kammer, sondern auch in Berg- und Hüttenwerken, Forsten, Versuchsfarmen, Bergakademien und Hochschulen tätig waren. Sie demonstrieren ebenfalls, dass es in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Vielfalt von Kameralisten gab, darunter auch leitende Bergbeamte, die in einem relativ komplexen Behördensystem mit- und gegeneinander agierten. Viele dieser Kameralisten passen nicht mehr in Wakefields Porträt des fiskalischen Beamten, der alle Aktivitäten auf die Steigerung der Einkünfte des Territorialfürsten oder Königs ausrichtete und mit diesem ein persönliches Patronageverhältnis einging.

Wakefield schreibt weite Teile seines Buchs in einem ironisch-essayistischen Stil, der unterhaltsam und amüsant ist. Er stellt die historischen Akteure auf seine historiographische Bühne, führt sie vor und entlarvt sie. Dabei zeigt er, dass Theorie und Praxis der Kameralisten oft weit auseinander fielen. Sein spektakulärster Fall ist der Johann Heinrich von Justis in seiner Zeit als Berghauptmann in Preußen. Justi, einer der Klassiker unter den kameralistischen Autoren, landete im Februar 1768, nach zweijähriger Amtstätigkeit, im Gefängnis. Wakefield hat hierüber neues, erhellendes Archivmaterial entdeckt. Auf dieser Grundlage präsentiert er uns einen enorm aktiven Justi, nicht nur in der Kammer, sondern auch in seinen Eisenhüttenwerken in der Neumark. Er verfolgt seine Kontroversen mit Kameralisten und unteren Beamten in der lokalen Kammer von Küstrin ebenso wie seine Versuche, Unterstützung von den Kameralisten in der zentralen Behörde in Berlin sowie von Friedrich II. und seinem Potsdamer Kabinett zu erhalten. Justi scheiterte in diesen zwei Jahren von 1765 bis 1767. Er war vermutlich ein schlechter Fiskalist, denn seine Buchhaltung erwies sich als Debakel.

Wakefield ist auch davon überzeugt, dass Justi ein Betrüger war. Eine von der Berliner Behörde eingesetzte Untersuchungskommission unter Leitung des Geheimen Finanzrats Reichardt kam jedenfalls zu dem Ergebnis, dass auch Justis technische Arbeit in den Eisenhüttewerken miserabel war. Wakefield, der auch den Untersuchungsbericht Reichardts im Landeshauptarchiv Potsdam fand, glaubt Reichardt. Und hier sind wir bei einem kritischen Punkt. Warum hält Wakefield den Kameralisten Reichardt für eine verlässliche Informationsquelle, wenn der Gesamttenor seiner Darstellung dahin geht, dass den Kameralisten tout cour zu misstrauen sei? An welchen Kriterien sollten wir die Erfolge und Misserfolge der Kameralisten messen? Welche Zeiträume sind für die historische Rekonstruktion adäquat? Welche sozialen Strukturen und Machtkonstellationen sind zu berücksichtigen in einer Zeit, in der die staatlichen Behörden allmählich funktional umstrukturiert wurden und nicht mehr bloßes Instrument in der Hand des Territorialfürsten oder Königs waren? Wakefields Buch bietet viele Anregungen und ist eine Schatztruhe für jeden historisch Interessierten.

Ursula Klein, Berlin

Charles T. Wolfe und Ofer Gal (Hg.) 2010:The Body as Object and Instrument of Knowledge. Embodied Empiricism in Early Modern Science. Dordrecht u. a.: Springer [=Studies in History and Philosophy of Science, 25], geb., 400 S., 5 Abb., 149,75 €, ISBN-13: 978-90-481-3685-8.

Die Baconischen Ideale einer ergebnisoffenen, kollaborativen und experimentellen Forschung zu behandeln, ohne die konkrete empirische Praxis zu berücksichtigen, gehört der Vergangenheit an. Mit dem practical turn der jüngeren Geschichtswissenschaft wuchs das Interesse an den modi operandi der sich modernisierenden Wissenschaften der Frühen Neuzeit. Die Autoren des aus dem 2009 an der Universität Sydney organisierten Workshop „Embodied Empirism“ hervorgegangenen Sammelbandes knüpfen hier an. Sie zeigen, dass der Empirismus der neuen Wissenschaften Medizin, Physiologie, Naturgeschichte und Chemie in besonderer Weise verpflichtet war. Hier konnten sich Gelehrte mit praxisrelevanten Fragen beschäftigen, ohne als „Empiriker“ allzu sehr mit den wenig angesehenen Handwerkern in Verbindung gebracht zu werden. Schon ein kurzer Blick auf die Mitglieder der 1662 gegründeten Royal Society in London fördert viele Ärzte zu Tage, nicht wenige darunter Schüler von William Harvey, dem vielleicht berühmtesten Mitglied. Überhaupt wurde von vielen Intellektuellen eine medizinisch-anatomische Ausbildung absolviert. John Locke war in der chemischen Medizin van Helmonts verwurzelt (Peter R. Anstey). Wie Alan Salter an William Harveys Vorstellungen von Beobachtung, Erfahrung und Experiment exemplifiziert, fanden umgekehrt Anatomen und Mediziner ihre Argumente im philosophischen „Diskurs der Sinne“. Ganz zu schweigen von den zahllosen Attacken, die die Apologeten einer neuen Wissenschaft gegen die Medizin führten. In seinen Ausführungen über Gedächtnistraining polemisierte Robert Boyle nicht nur gegen die zeitgenössische Medizinermeinung, derzufolge dauerndes Lesen das Hirn erweiche. Robert Yeo beschreibt auch die mnemotechnischen Ratschläge, die Boyle selbst befolgte.

Naturphänomene waren bis in das 18. Jahrhundert hinein nicht in organische und anorganische Dinge geschieden, und „Physik“ ein schillernder Begriff, den nicht zuletzt Mediziner für sich beanspruchten (das englische Wort für Medizin war physick). Die heutige Differenz zwischen Physik und Physiologie ist ein Ergebnis und nicht eine Grundlage der naturphilosophischen Debatten der „wissenschaftlichen Revolution“. In der kunterbunten Mischung an Forschungsthemen der ersten Akademien hatten physiologische Fragestellungen ihren festen Platz (Charles T. Wolfe und Ofer Gal). Doch ging es dabei selten um diagnostische oder therapeutische Probleme. Ernährung, Atmung und Fortpflanzung, Fäulnis und Tod, Krankheiten und Monster standen als Themen bei mechanistisch orientierten Philosophen generell hoch im Kurs.

Somatische Phänomene trugen wesentlich zum Verständnis der allgemeinen Natur bei, so wie Schwere, Wärme, Anziehungskraft, Magnetismus, Licht oder Farbe die tierische Physis unmittelbar betrafen. Dass Francis Bacon vom „Appetit der Materie“ sprach, ist keineswegs metaphorisch zu verstehen, wie Guido Giglioni erklärt. Für den Lordkanzler der Naturphilosophie war der Hunger nach Seife oder die Abneigung dagegen nichts anderes als der Ausdruck eines grundlegenden Bewegungsprinzips in der Natur. Die feste, flüssige oder gasförmige Struktur der Körper ebenso wie ihr Begehren, sich mit anderen Körpern zu vereinigen, waren unterschiedliche Manifestationen eines Hungers, der nach Befriedigung strebte und in dieser Aktivität die verschiedensten Bewegungskräfte erzeugte (etwa Widerstand, Verbindung, Assimilation).

Wie stark physikalische und physiologische Erklärungen miteinander verwoben waren, zeigen besonders jene Aufsätze, die sich im Kapitel „Embodied Minds“ mit dem cartesischen Verhältnis von Körper und Seele beschäftigen. John Sutton erörtert die materietheoretischen Probleme am psychophysiologischen Problem von Unaufmerksamkeit, Phantasie und Tagträumerei, Lisa Shapiro an John Lockes Auseinandersetzungen mit angenehmen und schmerzhaften Empfindungen. Tobias Cheung untersucht das „Körper-Seele-Interface“ an französischen Autoren der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die sich wie Charles Bonnet eine Theorie der stimulierten Fasern ausdachten, um Wechselwirkungen zwischen Geist und Materie im Gefühlsleben zu erklären.

Im Umgang mit den Dingen verschwammen physikalische, chemische und physiologische Erklärungen ohnehin. Ging es um eine konkrete Erscheinung da war der Buchgelehrte nicht immer besser informiert als die Bauersfrau, meint Harold J. Cook. Cynthia Klestinecs Untersuchung des studentischen Lernens und Arbeitens im anatomischen Theater Paduas macht allerdings klar, dass Standesbewusstsein die Sehnsucht nach Exklusivität und Abgrenzung von den lange Zeit selbstverständlichen technischen Fertigkeiten der chirurgi beförderte. Ende des 16. Jahrhunderts waren Chirurgie und Anatomie in Padua zwei distinkte Ausbildungsfelder. Ohne aufmerksames Studium der menschlichen Sinne und Passionen hätte kein Plädoyer für das Experiment gesprochen werden können, wie Ofer Gal und Raz Chen-Morris an Galileis und Keplers Auseinandersetzung mit der unterschiedlichen Reichweite von Auge und optischen Instrumenten zeigen. Die Skepsis gegenüber den menschlichen Sinnen saß tief. Doch zugleich verlangten neue Instrumente und Techniken erweiterte manuelle und visuelle skills auf Seiten des Forschers. Es gereichte somit keinem Naturphilosophen zur Schande, sich mit der tierischen und menschlichen Physis zu beschäftigen. Die mehrheitlich philosophiehistorisch orientierten Aufsätze des Bandes geben hiervon faszinierende Eindrücke, von denen es in Zukunft noch mehr zu entdecken geben wird.

Barbara Orland, Basel

Claus Zittel 2009:Theatrum philosophicum. Erfahrungsmodi und Formen der Wissensrepräsentation bei Descartes. Berlin: Akademie-Verlag, geb., 431 S., 69,90 €, ISBN-13: 978-3-05004-050-9.

In seiner anregenden Studie wendet sich Claus Zittel emphatisch gegen die philosophie- und wissenschaftshistorische Lehrmeinung, dass Descartes einen gegen die Sinne gerichteten Rationalismus und Mechanizismus vertritt. Er will dabei nicht nur eine andere Sichtweise auf Descartes freilegen, sondern auch eine weit verbreitete Auffassung moderner Wissenschaft kritisieren. Dieser, und insbesondere Foucault, zufolge sei die moderne Wissenschaft mit Descartes und der modernen Philosophie in der Abwendung von qualititativem Ähnlichkeitsdenken entstanden. Darum gestehe sie den Bildern in der Wissenschaft nur eine sehr eingeschränkte Rolle zu. Sein Vorhaben verfolgt Zittel, indem er eine Fülle von Dokumenten erschließt, die Descartes’ wissenschaftliche Arbeit in den Zusammenhang frühneuzeitlicher Wissenschaft stellen und die ganze Bandbreite wissenschaftsphilosophischer, historischer und bildwissenschaftlicher Literatur kritisch ins Visier nimmt. Exemplarisch trägt dies zu einer dem revidierten Geschichtsbild entsprechenden „wissenschaftsphilosophischen Ästhetik“ (S. 15 f., 238) bei.

Die beiden Stoßrichtungen des kritischen Projekts erzeugen eine produktive Spannung. Insofern die Mythisierung Descartes’ als Begründer moderner Wissenschaft richtig ist, dürfe letzterer genau so wenig wie Descartes selbst ein Misstrauen gegenüber der sinnlichen Wahrnehmung und des Denkens in und mit Bildern unterstellt werden, womit der vor einiger Zeit ausgerufene iconic turn seinen Pathos einbüßt (S. 235). Wenn nun aber der so revidierte Descartes nicht mehr als Gründerfigur der modernen Wissenschaft gelten kann, erweist er sich als frühneuzeitlicher Wissenschaftler mit einem ganz eigenwilligen Bildgebrauch, dessen genaue Lektüre gerade darum notwendig ist, weil die Denkstile der modernen Wissenschaft den Bildern eine scheinbare Eindeutigkeit zuweisen, deren Zustandekommen zunächst verstanden sein sollte. Diese Spannung sei hier nur am Begriff der Ähnlichkeit exemplifiziert, dem in der anvisierten wissenschaftsphilosophischen Ästhetik eine zentrale Rolle zukommt, da sich mit ihm unterschiedliche Darstellungsideale des Wissens verbinden (vgl. S. 15 f., 72 f., 76, 130-132, 160, 263 f., 286 f.).

Das Ähnlichkeitsdenken im Rahmen einer sinnlich-qualitativen Naturauffassung wurde insbesondere von Foucault charakterisiert, demnach sich Ähnlichkeiten einem inneren Zusammenhang verdanken. Im modernen Denken ist dies jedoch nicht mehr nachvollziehbar: Hier sind zwei Dinge oder Geschehnisse dann einander ähnlich, wenn sie in einer spezifizierbaren Hinsicht gleich sind und in anderer ungleich. Für das Verhältnis der Repräsentation zum Repräsentierten lässt sich nur feststellen, was es zur Repräsentation macht, aber darüber hinaus keine bedeutungsvolle Ähnlichkeit. Das heißt, im Bezug auf Ähnlichkeitsbegriffe hat eine epistemisch-ästhetische Vorstellung eine andere abgelöst. Im Rückgriff auf Fleck führt Zittel nun vor, dass die für die moderne Wissenschaft reklamierte Eindeutigkeit der Repräsentation auf einer „Harmonie der Täuschungen“ (Ludwik Fleck) beruht und somit einen Denkstil oder ein Zusammenspiel von Techniken voraussetzt. Descartes zeige vorbildhaft, wie diese Harmonie der Täuschungen erzeugt wird, damit Ähnlichkeitsbeziehungen lesbar werden und ihre Betrachter zuallererst in das Denkkollektiv einführen, in dem sie eindeutig erscheinen.

Wenn Descartes gewagte Bildanalogien erfindet und beispielsweise zwei Löcher in einem Trog voller Weintrauben mit den Augen des Menschen gleichsetzt, in die das Licht der Welt wie Wein strömt, meint er nicht, dass die Löcher den Augen ähnlich wären, sondern dass beide Prozesse eine ähnliche Bewegung vollziehen, indem sie an den gleichen dynamischen Prinzipien partizipieren (S. 285-287). Zittel zeigt, dass sich diese Ähnlichkeit der Bewegungen keineswegs aus der unmittelbaren Gegenüberstellung von Bildern ergibt, sondern darüber hinaus eines Narrativs bedarf. Die Ähnlichkeit muss somit gelernt und kann nicht einfach gesehen werden. Aber was da gelernt wird, ist nicht das Verhältnis von Gleichheit und Unterschiedlichkeit, sondern die überzeugende Evidenz der Teilnahme an nur einem Vorgang, der hier dieses und dort jenes bewirkt. Diese vormoderne Ähnlichkeitsauffassung steht keineswegs im Widerspruch zu einem Rationalismus, der auf die Partizipation des Wirklichen an einem geistigen Prozess hinausläuft. Und während diese Auffassung von den Methodologien und der Bildrhetorik der modernen Naturwissenschaften ausgeschlossen wurde, ist mit den bildgebenden Verfahren womöglich auch das magische Denken in den Forschungsalltag zurückgekehrt, insbesondere dort, wo von der Ähnlichkeit zwischen experimentell und numerisch erzeugten Bildern auf Erklärungen geschlossen wird.

Die letztgenannte Ausweitung auf den Umgang mit Bildern in der heutigen Forschung unternimmt Zittel nicht. Sie ergibt sich aus seinem an und mit Descartes entwickeltem Argument für die Würdigung der ästhetischen Überzeugungskraft von Bildern. Abgesehen von Zittels Kritik an den überlieferten Gewissheiten über Descartes ist es dieses Argument, für das sich die Lektüre des schön produzierten und großzügig bebilderten Buches empfiehlt.

Alfred Nordmann, Darmstadt

Peter Heering, Oliver Hochadel und David J. Rhees (Hg.) 2009:Playing with Fire: Histories of the Lightning Rod. Philadelphia, PA: American Philosophical Society, brosch., 290 S., $ 35, ISBN-13: 978-1-60618-995-5.

On a summer’s day in 1783 an ambitious young lawyer got to his feet in the law courts of Arras in northern France to mount a spirited defence of a piece of scientific apparatus. A few years previously a Monsieur de Vissery had installed a lightning rod on his property in the nearby village of Saint Omer, only to be ordered to take it down by the local magistrates following complaints from his neighbours. Appealing against the magistrates’ decision, de Vissery’s lawyer represented the case as a clash of cultures between the enlightened values of reason embodied in the lightning conductor and the forces of superstition. By objecting to the lightning rod the good citizens of Saint Omer were exposing themselves, their community and their country to ridicule. De Vissery won his appeal and the lightning rod was vindicated. Enlightened values were re-affirmed and superstition thrust back into darkness where it properly belonged. The ambitious young lawyer’s name was Maximilien Robespierre.

As the editors of this collection of essays affirm in their introduction, the lightning rod has often found itself the conduit for cultural and political currents like these. Despite this, the instrument’s history has often been represented as, at best, two-dimensional. As conventional history has it, the lightning rod was invented by Benjamin Franklin in 1752 and after that, nothing much happened. The rod took its place as the first important example of utilitarian science and that was the end of the story. The history – or histories – revealed here are far more interesting than that. The contributions to this collection show that the lightning rod has a history that was often confused, contradictory and multivalent. Following the rod through history provides some fascinating insights into the cultural and political context of science since the Enlightenment. The lightning rod did not just conduct electricity. It dabbled in politics and commerce. It symbolized revolution and allowed literary careers to be made.

Both, Paola Bertucci’s account of disputes around the lightning rod in late eighteenth-century Bologna and Oliver Hochadel’s narrative of German lightning rods during the 1780s reveal how local concerns about the rod and its behaviour had universal ramifications. The rod played important roles in local politics whilst linking those local politics to wider and self-consciously Enlightened values. Likewise Fiona Clark reveals how discussions of lightning rods in eighteenth-century Mexican literary magazines linked local concerns with broader issues. R. W. Home’s discussion of the controversy between Franklinian points and Wilsonian knobs provides further evidence of how such local disputes moved between philosophical and political concerns. In his overview of the lightning rod’s fate in pre-revolutionary France, Peter Heering shows how it became an important player in strategies to establish scientific authority between eminent rival savants. Christian Fuhrmeister illustrates how the lightning rod became saturated with political meaning and significance during the French revolution and its aftermath.

Arwen Mohun and Elizabeth Cavicchi both follow the lightning rod around the world of commerce in mid-nineteenth-century Northern America. They examine how it acted as a conduit for the production and dissemination of new cultural values. Willem Hackmann surveys how debates about lightning stimulated eighteenth-century instrument makers to market different models that embodied different sets of theories and assumptions about lightning’s operations. Paolo Brenni shows how the study of atmospheric electricity has provided fertile ground for instrument-makers, theorists, enthusiasts and utopian projectors dreaming of drawing useful energy from the clouds. With their account of modern efforts to assess Franklin’s original lightning rods, Moore, Aulich and Rison demonstrate that the history of lightning rods is still not over. Their paper demonstrates that if Franklin and his contemporaries did not understand the technology they had created, neither do we.

What all the contributions to this fascinating collection have in common is a determination to unpack the lightning rod. Instead of leaving it inside its black box they are determined to reveal its secrets, resulting in exemplary history of technology. Taken together, these essays explore the ways in which any scientific instrument – and not just the lightning rod – acquires meaning for us. Instruments like the lightning rod neither simply absorb culture, nor are they merely embodiments of cultural value. They are vital in producing those values. As Robespierre in 1783 thundered his denunciations of the muddle-headed citizens of Saint Omer and their reluctance to accommodate themselves to modernity, he was not simply expressing the values of Enlightenment. He was using the lightning rod as a tool to produce those values and use them for his own purposes. The essays in this collection remind us that this sort of thing is going on all the time and everywhere.

Iwan Rhys Morus, Aberystwyth

Renate Tobies 2010:„Morgen möchte ich wieder 100 herrliche Sachen ausrechnen.“ Iris Runge bei Osram und Telefunken. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, geb., 396 S., 72,00 €, ISBN: 13-978-3-515-09638-6.

An dem zu besprechenden Buch fasziniert zunächst, wie stringent hier diejenigen Themenstränge zusammenlaufen, denen Renate Tobies im Lauf ihrer Forschungen gefolgt ist: Mathematikgeschichte sowie Studien über mathematische Karriereverläufe einerseits, die Person und das Umfeld des numerischen Mathematikers Carl Runge und die Bedeutung des Wissenschaftsstandorts Göttingen andererseits und schließlich die wissenschaftliche Partizipation von Frauen in der Mathematik. Die langjährige Vertrautheit der Autorin mit diesen Themenfeldern scheint an vielen Stellen durch und ermöglicht eine ungewöhnlich reiche und souveräne Kontextualisierung des Lebens und Wirkens von Iris Runge.

1888 als älteste Tochter des numerischen Mathematikers Carl Runge geboren, gehört Iris Runge zu jener Generation junger Frauen, die das Abitur noch auf Umwegen erwerben mussten. Tobies hat mit der umfassenden Schilderung von Runges Werdegang auch Details der Lern- und Prüfungsbedingungen dieser akademischen Pionierinnen aufgezeigt und damit über die Wissenschaftsgeschichte hinausgehende bildungsgeschichtliche Einsichten geliefert. Schicht für Schicht werden sodann die fachlichen Einflüsse freigelegt, die Iris Runge im Lauf ihres Studiums aufnahm und konzeptuell mit dem Begriff des Denkkollektivs gefasst, in dessen Mittelpunkt Iris’ Vater steht. Bisweilen erliegt die Autorin der Verführung ihres Materials und ihrer umfassenden Kenntnisse; manches hätte hier ebenso wie die ausführlichen Abrisse zu den politikgeschichtlichen Entwicklungen kürzer gefasst werden können. Für Iris Runges weiteren Lebenslauf zentrale Fragen, wie etwa die Selbsteinschätzung ihrer wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit, bleiben hingegen überraschenderweise nur angedeutet.

Nach verschiedenen nur wenig befriedigenden Stationen als Lehrerin und ihrer Promotion in Physikalischer Chemie entschied sich Runge zu dem in ihrer Zeit für eine Mathematikerin ungewöhnlichen Schritt in die elektrotechnische Industrie, zur Firma Osram. Inwieweit der im Abstand von wenigen Monaten erfolgende Einstieg ihres ebenfalls mathematisch ausgebildeten Bruders Wilhelm bei Telefunken mit dem ihrigen bei Osram zusammenhängt, bleibt leider verborgen. Ausführlich und weit über die Biographie hinausgreifend entfaltet die Autorin nun ihr Hauptthema, die Bedeutung, Organisationsstrukturen und Themen mathematischer Arbeit in der elektrotechnischen Industrie. Dabei geht sie auch detailliert auf die mathematischen Methoden ein, etwa auf die statistischen Berechnungen zu Stichprobengrößen für Qualitätstests. Für diese in der Glühlampenindustrie vitale Frage entwickelte Runge mathematische Hilfsmittel in Form von Graphen und Tabellen, die den in der Fertigung Tätigen ohne mathematische Ausbildung die Bestimmung der erforderlichen Stichprobenumfänge ermöglichten. Es gehört zu den wichtigsten Verdiensten des vorliegenden Buches, diesen mathematischen Wissenstransfer im konkreten industriellen Vollzug nachzuzeichnen. Später berechnete Runge, nun mit der gesamten Abteilung von Osram zu Telefunken gewechselt, Eigenschaften von Elektronenröhren. Die militärische Dimension dieser Arbeit und die Haltung Runges dazu werden überzeugend behandelt.

Über das gesamte Buch hinweg ist es ein Anliegen der Autorin, Runge auch in ihren ausgeprägten sozial(demokratisch)en Aktivitäten zu beleuchten. So entsteht ein dichtes Bild, in dem auch die Sinnkrise Runges Mitte der 1930er Jahre und ihre Hinwendung zur Wissenschaftsgeschichte nachgezeichnet werden. Wesentliche Quellengrundlage ist der Glücksfall eines privaten Nachlasses, in dem zahlreiche Briefe Iris Runges an ihre Eltern beziehungsweise ihre Mutter überliefert sind. Es mag der Quellensituation geschuldet sein, dass die Autorin zu Runges Tätigkeit als Physikdozentin an der Berliner Universität nach dem Krieg schweigt. Ob und warum nach der seinerzeit so euphorisch betretenen industriellen Sphäre nun die akademische als das verlockendere Wirkungsfeld erschien und wie der Kontakt zur Universität zustande kam, bleibt leider unkommentiert und hinterlässt so trotz (oder gerade wegen) der detailreichen Darstellung von Iris Runges Werdegang und Industrietätigkeit ein Gefühl der Lücke.

Dessen ungeachtet bietet Tobies’ Buch, das durchweg auf aktuellem Forschungsstand ist und an vielfältige wissenschaftshistorische Debatten anknüpft, quellengesättigte Einblicke in das bislang wenig bearbeitete Feld der mathematischen Industrieforschung. Hervorgehoben sei schließlich die gute Ausstattung des Werkes, das neben dem ausführlichen Literaturverzeichnis, zahlreichen Abbildungen, Personenindex und tabellarischen Übersichten auch einige Quellen enthält.

Beate Ceranski, Stuttgart

Felix Hausdorff 2011:Gesammelte Werke, Band VIII: Literarisches Werk. Hg. von Friedrich Vollhardt und Udo Roth. Berlin u. a.: Springer, geb., 877 S., 99,95 €, ISBN: 978-3-540-77758-8.

Mit diesem mit der römischen VIII nummerierten Band ist jetzt der sechste von neun Bänden der 2001 begonnenen Werkedition des bedeutenden deutschen Mathematikers Felix Hausdorff (1868-1942) erschienen, über die an dieser Stelle schon mehrfach berichtet wurde (NTM 11 (2003), 198 f.; 12 (2004), 124; 14 (2006), 60 f.; 15 (2007), 307-309; 16 (2008), 511-513).

Da Hausdorffs Hauptwerk mathematisch ist, nimmt der vorliegende Band wegen seines literarischen Charakters naturgemäß in mehrfacher Hinsicht eine Sonderstellung ein. Mit wenigen Ausnahmen, wie dem bisher unveröffentlichten Gedicht „Sant’ Ilario“ (1921) und zwei späten „Akrosticha“ (1930 und 1935, Letzteres wird hier auch erstmals veröffentlicht) sind alle in dem Band vereinten literarischen Arbeiten Hausdorffs ursprünglich unter dem Pseudonym Paul Mongré (französisch: mon gré „mein Belieben“) erschienen. Der Band beginnt mit dem lyrischen Werk, im Wesentlichen dem Gedichtband „Ekstasen“ von 1900 (S. 39-190). Es folgen die literarischen Essays in chronologischer Reihenfolge (der erste stammt von 1898, der letzte von 1913, drei philosophische Essays sind 2004 in Band VII Philosophisches Werk bereits wiederabgedruckt worden). Den Schluss bildet Mongré-Hausdorffs zu seiner Zeit oft auf der Bühne inszenierter satirischer Einakter Der Arzt seiner Ehre von 1904. Die Herausgeber, beide Literaturwissenschaftler, haben allen Texten, insbesondere den Essays, gründliche Quellennachweise, vor allem aber ausführliche Erläuterungen hinzugefügt, die den Umfang des eigentlichen Werkes oft um ein Mehrfaches übertreffen. Hausdorffs literarisches und philosophisches Werk zeichnet sich durch einen meisterhaften und originellen Sprachstil aus, seine Essays erschienen in führenden Literaturzeitschriften der damaligen Zeit. Mongré-Hausdorffs Essay „Das unreinliche Jahrhundert“ (1898), in dem er sich als moderner Skeptiker zu erkennen gibt, das „Verblassen des monarchistischen Heiligenscheins“ (S. 347) konstatiert und das Abschaffen „anachronistischer Überbleibsel“ wie des Duellunwesens fordert, ist ebenso journalistisch geschliffen wie „Gottes Schatten“ (1904), in dem er – selbst Agnostiker, der die jüdische Religion längst aufgegeben hatte – die „schamlose Allianz zwischen Kirche und Staat“ (S. 663) kritisiert. Seine vernichtende Kritik (1909) an Strindbergs Blaubuch, in der er den Schweden als mathematischen Ignoranten vorführt, lassen ebenso wie der große Essay „Sprachkritik“ (1903) über Fritz Mauthner und „Der Komet“ (1910) erkennen, wie Mongré-Hausdorff seine naturwissenschaftlich-mathematische Bildung in zeitgenössische Debatten eingebracht hat. Eine umfassende Interpretation der Essays und insbesondere des lyrischen Werkes von Hausdorff (über dessen bleibenden Wert man streiten mag) wird voraussichtlich erst auf der Basis der ausführlichen Hausdorff-Biographie möglich sein, die der Mitherausgeber der Gesammelten Werke, Egbert Brieskorn, vorbereitet. Ihrerseits wird diese Biographie die Texte des vorliegenden Bandes in allen ihren Aspekten dringend benötigen. Die Kommentare der Herausgeber, die offenbar besonders hinsichtlich der Essays unter starker Mithilfe der in die Werkausgabe involvierten Mathematiker verfasst wurden und die für den Geschmack des Rezensenten etwas zu ausführlich ausgefallen sind, bieten hierfür keinen vollständigen Ersatz, da sie nur gelegentlich auf Hausdorff selbst bezogen sind. Dass Hausdorff, wie an verschiedenen Stellen der Edition deutlich wird, nicht sehr um die Wahrung seines Pseudonyms Mongré besorgt war (dieses beispielsweise selbst in Kürschners Deutschem Literaturkalender von 1904 preisgab: S. 813), ist biographisch und allgemein historisch interessant angesichts der Tatsache, dass der Autor als außerordentlicher Professor in Leipzig damals noch bemüht sein musste, auf der akademischen Karriereleiter des Kaiserreichs voran zu kommen.

In dem die Edition abschließenden Einakter wird das Duellwesen im Wilhelminischen Deutschland verspottet und zugleich in zynisch-vorurteilsloser Weise über die bürgerliche Institution der Ehe gesprochen. Diesem Stück ist von literarischen Zeitgenossen wie Arthur Schnitzler und Alfred Kerr bleibender Wert zuerkannt worden. Es liest sich heute frisch wie ehedem. Ein von Hausdorff 1910 geschriebener Epilog ist 2006 von einer Bonner Studentenbühne zusammen mit dem gesamten Stück uraufgeführt worden. Hausdorffs an einigen Stellen dieses Stückes wie auch seines lyrischen Werkes durchscheinende oder zu vermutende Distanz gegenüber Frauen scheint eine an seinen philosophischen Vorgängern Schopenhauer und Nietzsche geschulte philosophische Attitüde zu reflektieren.

Dieser Band der Edition unterstreicht einmal mehr, dass Hausdorff nicht nur als ein moderner Mathematiker verstanden werden darf, sondern auch als aktiver Angehöriger der literarischen Kultur seiner Zeit gesehen werden muss. Der Band wird es erlauben, die Frage nach dem Platz der Schriften von Paul Mongré/Felix Hausdorff in der literarischen Moderne neu – ja vielleicht zum ersten Mal – zu stellen.

Reinhard Siegmund-Schultze, Kristiansand

Volker R. Remmert und Ute Schneider 2010:Eine Disziplin und ihre Verleger. Disziplinenkultur und Publikationswesen der Mathematik in Deutschland, 18711949. Bielefeld: transcript Verlag [=Mainzer Historische Kulturwissenschaften, 4], brosch., 340 S., ISBN-13: 978-3-8376-1517-3.

Diese innovative Studie über die Geschichte des wissenschaftlichen Publikationswesens erschließt zahlreiche neue Quellen aus Verlagsarchiven und Nachlässen. Im Vergleich zu Bettina Heintz’ „Binnenorientierung“ der Mathematik (S. 10) weitet das Autorenpaar den Blick auf das Gebiet bewusst aus. Sie wollen zeigen, dass und wie mathematisches Wissen für andere Gebiete, Anwendungen und den Unterricht notwendig „dargestellt“ werden musste. Im Buch wird untersucht, welche Verlage in welchem Zeitraum die mathematische Produktion dominierten und welche Funktion den einzelnen Publikationsformen (Zeitschriften, Lehrbücher, Buchreihen, Gesammelte Abhandlungen, aus dem Französischen übersetzte Bücher) zukam. Diese sind in vielen Tabellen präsentiert; ein Gesamttabellenverzeichnis fehlt jedoch leider. Hervorgehoben seien die gute Analyse der durch die Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft in der Weimarer Republik geförderten Bücher und Zeitschriften, das während des Zweiten Weltkrieges in den USA realisierte Nachdruckprogramm deutscher Titel und die Analyse des Neubeginns in Deutschland nach 1945, wobei bei Letzterer das Urteil über die Teilhabe der alten Eliten als notwendige Bedingung etwas überrascht.

Die ambitionierte Zielsetzung wird leider nicht durchgehend realisiert. Es fehlen zwei der wenigen in dieser Zeit überhaupt erschienenen Zeitschriften: die Unterrichtsblätter für Mathematik und Naturwissenschaften, 1895 gegründet als Organ des Vereins zur Förderung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts und die heute noch existierende Zeitschrift für angewandte Mathematik und Mechanik, gegründet 1921 von Richard von Mises im VDI-Verlag, die als Nachfolgeorgan der Zeitschrift für Mathematik und Physik gilt. Letztere war erst mit Carl Runges Eintritt als Herausgeber (1901) ein ausschließliches Organ für angewandte Mathematik geworden (und nicht bereits mit der Gründung 1856, wie S. 38 vermuten lässt). Damit wird ein Grundzug für die Erklärung der Zeit um 1900 verschenkt. Die im dritten Kapitel betonten Anwendungen (in Forschung, Hoch- und höherer Bildung) werden zu wenig in internationale Entwicklungen eingeordnet, womit eine neue Übersetzungswelle mathematikrelevanter Bücher (insbesondere aus dem englischsprachigen Bereich) ab circa 1900, internationale Gemeinschaftsprojekte und auch sich anbahnende neue Kontakte zu ausländischen Verlagen (zum Beispiel die französische Ausgabe der Encyklopädie der mathematischen Wissenschaften mit Einschluß ihrer Anwendungen bei Gauthier-Villars) übersehen werden.

Der Greifswalder Verlag C. A. Koch, in dem der Professor für Mathematik Johann August Grunert das Archiv der Mathematik und Physik herausgab, wird gar nicht betrachtet, obgleich das Archiv erst 1901 nach Vorschlag Felix Kleins zu Teubner wechselte. Die Klein’sche Tätigkeit im Kontext mit Teubner wird zwar mehrfach erwähnt, er jedoch nicht zu den Verlagsberatern gerechnet, obwohl er mehrere Jahrzehnte lang wichtigster mathematischer Ratgeber des Verlags war (vgl. Teubner-Archiv zur Mathematik, Bd. 5, 1986, http://www.stiftung-teubner-leipzig.de/1986-felix-klein-und-der-verlag-teubner.htm, Zugriff: 18.2.2011). Offensichtlich übersah das Autorenpaar – mit etwas eingegrenztem Blick auf die Rivalität Göttingen – Berlin, dass Klein seit seiner Herausgabe von Plückers Liniengeometrie (Bd. 2) 1868 mit Teubner verbunden und sechs Jahre lang als Professor am Verlagsort in Leipzig tätig war, wo er 1882 bereits eine eigene Buchreihe begann.

Die Deutsche Mathematiker-Vereinigung (DMV) mit ihren Publikationsorganen wird im Buch als maßgebliches Bindeglied zu den Verlagen dargestellt. Dabei wird auch Alfred Ackermann-Teubner als zentrale Figur hervorgehoben, allerdings bleibt unbeachtet, dass dieser auch die Göttinger Vereinigung zur Förderung der angewandten Physik und Mathematik als zahlendes Mitglied unterstützte, was ein zusätzlicher Beleg für die engen Kontakte zu Göttingen ist. Im Buch wird am Rande dargestellt, dass die DMV weitere Verlagsbuchhändler, Verlagsinhaber beziehungsweise Mitinhaber zu ihren Mitgliedern zählte (S. 110). Leider fehlt eine Gesamtanalyse, aus der hervorgeht, welche Verlagsvertreter wann und warum der DMV bei- und wieder austraten.

Der Blick auf wissenschaftliche Schulen (Klein-Schule, Noether-Schule etwa) könnte helfen, Bezüge zwischen mathematischen Disziplinen und Verlagen künftig noch besser aufzudecken. Hier sei nur erwähnt, dass das Nichtbeachten des Emmy-Noether-Kreises der „Modernen Algebra“ zu einem Fehlurteil hinsichtlich einer angeblichen „Lücke in der abstrakten Algebra“ (S. 266) im Buch führte. Die von Noethers Schülern in der (gelben) Springer-Reihe Grundlehren der mathematischen Wissenschaften herausgebrachten Lehrbücher erschienen mit ihrer inhaltlichen Unterstützung (die sie noch nach der Emigration von den USA aus gewährte); ihre Schüler konnten das Gebiet auch in Deutschland in den 1930er Jahren und nach 1945 fortsetzen.

Da die vorliegende Monographie nicht durchgängig chronologisch gegliedert ist, ließen sich Wiederholungen nicht vermeiden, die bis zu Wortwiederholungen reichen; so wird etwa Helmuth Kneser (er fehlt im Personenregister, wie auch andere) dreimal explizit als „langjähriger/enger Freund“ von Süß charakterisiert (S. 232, 257, 290). Insgesamt sei noch einmal hervorgehoben, dass es sich um die erste Monographie handelt, die sich diesem Thema umfassend widmet. Damit wird ein Forschungsfeld eröffnet, dessen tieferes Ausloten wünschenswert ist.

Renate Tobies, Jena

Monika Ankele 2009:Alltag und Aneignung in Psychiatrien um 1900. Selbstzeugnisse von Frauen aus der Sammlung Prinzhorn. Wien u. a.: Böhlau, brosch., 306 S., 24,90 € ISBN-13: 978-3-20578-339-8.

Unverkennbar haben in den vergangenen Jahren im Bereich der Psychiatriegeschichte praxistheoretische und patientenorientierte Herangehensweisen zunehmend an Bedeutung gewonnen. Auch Monika Ankeles Monographie, die auf ihrer geschichtswissenschaftlichen Dissertation an der Universität Wien basiert und mit dem Käthe-Leichter-Preis ausgezeichnet wurde, lässt sich dieser Tendenz zuordnen. Ihre Studie ist ein ambitionierter – und über weite Strecken auch gelungener – Versuch, die Lebenswelten und Handlungsweisen von Frauen in psychiatrischen Anstalten um 1900 zu rekonstruieren und in einem komplexen Feld von begrenzenden und ermöglichenden Strukturen herauszustellen. Damit verknüpft ist das Anliegen der Autorin, den einseitigen und verklärenden Status von psychiatrischen Patientinnen als „Projektionsfläche feministischer Repräsentations- oder Patriarchatskritik“ (S. 228) zu verlassen und nach den vielfältigen Aneignungsprozessen, Praktiken und Ausdrucksformen zu fragen, die den Alltag von internierten Frauen charakterisierten.

Ankele konzentrierte sich hierbei auf rund dreißig aussagekräftige Krankenakten aus der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg, die aus unterschiedlichen psychiatrischen Anstalten im deutschen Sprachraum stammen. Diese Krankenakten, in denen die Psychiater nicht nur den Krankheitsverlauf der Patientin sowie die Behandlungsabläufe notierten, sondern darüber hinaus auch überaus detaillierte Beobachtungen über Gestik, Mimik, Bewegungen, Handlungen und Verhalten der Insassin im alltäglichen Anstaltsbetrieb protokollierten, bilden die empirische Grundlage ihrer Studie. Ergänzend dazu wurden Jahresberichte, Lehrbücher, Fachzeitschriften, Dienstanweisungen, Anstaltsstatuten sowie Haus- und Tagesordnungen in die Analyse miteinbezogen. Methodisch inspiriert ist Ankeles Arbeit durch Michel de Certeaus Kunst des Handelns. Darüber hinaus nimmt sie Bezug auf diskurs- und praxistheoretische Positionen der cultural studies sowie auf neuere forschungsleitende Fragestellungen und Ergebnisse der Körper- und Geschlechtergeschichte, der (feministischen) Wissenschaftsgeschichte und der Medizingeschichte. Vorweggenommen sei hier ein kleiner Kritikpunkt: Im Methodenkapitel befinden sich einige Unschärfen – wie zum Beispiel die etwas schablonenartig geratene Passage über den Paradigmenwechsel von der Sozial- zur Kulturgeschichte und dessen Auswirkungen auf die Medizingeschichte. Ankele entgeht hier, dass wesentliche Impulse zur Stärkung der patientenorientierten Geschichtsschreibung nicht erst durch die kulturtheoretische Wende gesetzt wurden, sondern genuin aus der Sozialgeschichte der Medizin stammen und sich sodann mit zentralen Anliegen der Kulturgeschichte, wie eben der stärkeren Berücksichtigung von Handlungsweisen und Alltagspraktiken von Akteurinnen und Akteuren, gewinnbringend verbinden ließen. Eine weniger auf Kontrast, sondern auf Komplementarität von Sozial- und Kulturgeschichte setzende Selbstverortung der Studie hätte deren theoretisch-methodische Rahmung noch überzeugender gemacht.

Die Gliederung der Arbeit folgt einem Dreierschritt: Im ersten Kapitel legt Ankele dar, warum und auf welchem Wege sich die Psychiatrie des ausgehenden 19. Jahrhunderts im Rahmen von Verwissenschaftlichungs- und Professionalisierungsprozessen für eine detaillierte und anhaltende Beobachtung ihrer Patientinnen und Patienten interessierte. Das zweite Kapitel zeigt am Beispiel der Irrenklinik der Universität Heidelberg, der Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen sowie der privaten Kuranstalt „Bellevue“ in Kreuzlingen, wie unterschiedlich psychiatrische Anstalten um 1900 hinsichtlich ihrer Zielsetzung, Aufnahmebedingungen, Aufenthaltsmöglichkeiten und Behandlungsformen sein konnten. Die Handlungsweisen von Frauen, ihre zwischen Aneignung und Abwehr pendelnden Praktiken des Alltags, das Ermöglichen, Ignorieren oder Beschränken ihrer Bedürfnisse und Wünsche, waren in hohem Maße von den baulichen, administrativen und sozialen Strukturen der Anstalt abhängig. Im dritten Kapitel widmet sich die Autorin schließlich den Praktiken des Alltags, wobei sie sich auf vier verschiedene konzentriert: sich kleiden und frisieren, arbeiten und sich beschäftigen, essen und sich ernähren sowie wohnen und sich einrichten. Durch sorgfältige Aufbereitung ihrer Quellen, ihrer konsequent an praxistheoretischen Überlegungen orientierte Deutung sowie sprachlich elegante Darstellung gelingen Ankele faszinierende Miniaturen des psychiatrischen Alltags von Frauen, die über einen bemerkenswerten Eigensinn und Einfallsreichtum verfügten. Anhand von konkreten Handlungen, wie etwa dem Kneten von Brot zu Figuren, dem Zeichnen von Personen und Behandlungsszenen oder dem Auslegen von Leinenstreifen zu Bildern auf dem Anstaltsboden entsteht ein Panoptikum von kreativ gelebter Subversivität. Darüber hinaus geben diese Handlungsweisen aber auch Zeugnis von den Gefühlswelten von Frauen, die ihr bisheriges, verloren gegangenes Leben ‚draußen’ schmerzlich vermissten und in der neuen Umgebung wachzuhalten versuchten. Es zeigt sich, dass der Mikrokosmos einer psychiatrischen Anstalt von Sehnsüchten, aber auch von der konkreten Sorge durchdrungen war, sich nicht mehr um die zurückgebliebene Familie kümmern zu können.

Ankeles Studie ist ohne Zweifel ein gewichtiger Beitrag zu einer Psychiatriegeschichte als Patienten- und Praxisgeschichte. Sie zeichnet sich durch die behutsame Auswahl und Analyse von Krankenakten aus, mehr aber noch durch ihre konsequente und facettenreiche Kontextualisierung. In geschlechtergeschichtlicher Hinsicht ist zudem Ankeles gut begründetes Plädoyer innovativ, den Patientinnen psychiatrischer Anstalten ihren Status als historische Akteurinnen zurückgegeben und auf ihre eminente und eigenständige Bedeutung in psychiatrischen Kulturen der Moderne aufmerksam gemacht zu haben.

Hans-Georg Hofer, Bonn

Veronika Lipphardt 2008:Biologie der Juden. Jüdische Wissenschaftler über „Rasseund Vererbung 1900-1935. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, brosch., 360 S., 39,95 €, ISBN-13: 978-3-52536-100-9.

Veronika Lipphardt untersucht in ihrer historischen Doktorarbeit das äußerst heikle Thema, wie sich in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Ärzte und Anthropologen „mit jüdischem Hintergrund Konzepte von Rasse und Vererbung kritisch aneigneten, sie modifizierten oder ablehnten, ohne dabei auf biologische Konzepte von Diversität zu verzichten.“ (S. 11) Strittig waren die Fragen, ob es eine mit den Methoden der Biologie und Medizin feststellbare jüdische Identität gebe, und ob mit damals üblichen wissenschaftlichen Verfahren dem antisemitischen Rassediskurs zu begegnen war, um ‚objektiv’ über die ‚Biologie der Juden’ sprechen zu können. Lipphardts Studie verdeutlicht, dass die biologistische Definition von Individuen und Bevölkerungsgruppen kein Privileg völkischer Rassenüberheblichkeit der üblichen ‚Rassisten’, sondern dem Paradigma Darwinistischer Biologie und Vererbungsforschung geschuldet war.

Die äußerst vielstimmige Debatte der Jahre 1880 bis 1935 schlug sich vornehmlich in verschiedenen Zeitschriften (Politisch-Anthropologische Revue, Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie, Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden), aber auch in den üblichen Lehrbüchern der Medizin nieder. Lipphardt identifiziert zwei von Erstem Weltkrieg und unmittelbarer Nachkriegszeit unterbrochene Phasen. Wurde zunächst in empirischen Studien versucht, biologische Besonderheiten jüdischer Menschen zu identifizieren, so verlagerte sich die Debatte in den 1920er Jahren vornehmlich darauf, inwiefern die persönliche Identität der Autoren und ihr – wie wir heute sagen würden – Erkenntnisinteresse die Wissenschaftlichkeit ihrer Arbeiten diskreditierte.

Der Hauptkonflikt drehte sich darum, ob die Assimilation und Auflösung überkommener jüdischer und nichtjüdischer Identität wünschenswert oder ob eine biologisch/soziale Einheit mittels Endogamie und der Kategorie Rasse wiederherzustellen und verschiedene Menschengruppen voneinander zu separieren seien. Entscheidend war hier, den Modus der Vererbung zu kennen. In der Biologie war dieser jedoch umstritten: Gab es eine Vererbung erworbener Eigenschaften oder stabile, die Generationen durchziehende, mendelnde Gene? Debattiert wurde auch die Erwünschtheit von „Rassenmischung“ oder „Rassenreinheit“. Sowohl die Annahme der Existenz einer seit der Antike existierenden reinen, als auch die einer gemischten „jüdischen Rasse“ machten Menschen jüdischer Herkunft zum idealen Untersuchungsobjekt für Anthropologie, Medizin und aufkommende Humangenetik, deren Konzepte noch keineswegs stabilisiert waren. (S. 72 ff.)

Das umfangreiche Debattenkapitel hätte durch gelegentliche Straffung gewonnen. Es bietet eine Fülle von Stellungnahmen und Forschungsansätzen zum Problemkreis und macht deutlich, wie umstritten diese waren. Allerdings ist die Darstellung manchmal widersprüchlich und gelegentlich unscharf. Dies liegt am nicht ganz gemeisterten biologiehistorischen Problem, dass es im relativ kurzen Untersuchungszeitraum höchst unterschiedliche und inkommensurable Vererbungskonzepte und Rassenbegriffe gab, die sich sehr schnell wandelten und uneinheitlich in den jeweiligen medizinischen und biologischen Disziplinen verwendet wurden: Sogar Männer und Frauen wurden zeitweise unterschiedlichen Rassen zugeordnet. Lipphardt trennt in jüdische und nicht-jüdische Wissenschaftler entsprechend ihrer Selbstzeugnisse, vernachlässigt daher diejenigen, die sich vor 1933 nicht entsprechend einordnen wollten. Wie unterschiedlich die Schlussfolgerungen bei gleichen genetischen Konzepten ausfallen konnten, zeigt sich unter anderen beim Thema der „deutsch-jüdischen Mischehe“: Der spätere Humangenetiker Fritz Lenz bestand auf „Rassentrennung“, während der jüdische Sexualwissenschaftler Max Marcuse die Utopie hegte, mithilfe eugenischer Maßnahmen vorteilhaft scheinende Gene in einer neuen, nicht durch Rasse definierten Menschheit zu kombinieren.

Der zweite Teil der Arbeit behandelt die unterschiedlichen Selbstkonstruktionen biologischer Identität der jüdischen Mediziner Elias Auerbach, Julius Tandler und Otto Lubarsch. Lipphardt zeigt einerseits, wie kontingent diese waren und andererseits wie schlüssig sie zum jeweiligen Lebensentwurf passten. Im dritten Teil untersucht die Autorin die Ende der 1920er Jahre begonnenen Versuche von Franz Weidenreich, Ignaz Zollschan und Wilhelm Nußbaum, mit privaten Geldern Forschungseinrichtungen zur Untersuchung der „Biologie der Juden“ zu gründen. Das gelang dem jüngeren Gynäkologen Nußbaum noch für die Jahre 1933-35 in Deutschland, als den Fremdzuschreibungen einer biologischen jüdischen Identität nicht mehr zu entkommen war. Unter Bezug auf das methodische Vorgehen Eugen Fischers mit Zustimmung Ernst Rüdins und unter den Augen der Berliner Gestapo legte er ein Programm zur vollständigen Erfassung der jüdischen Bevölkerung vor und suchte die Unterstützung jüdischer Kreise. 1100 Menschen konnte er bis zu seiner Emigration 1935 mittels seiner Arbeitsgemeinschaft für Jüdische Erbforschung und Eugenik (später Erbpflege) (S. 278), „anthropologisch, erbbiologisch, medizinisch und genealogisch“ (S. 296) untersuchen. Er setzte zunehmend auf die Anwendung der Kenntnisse in der eugenischen Eheberatung. Die jüdische Identität wurde so zu einer medizinisch und genetisch optimierbaren Gruppenidentität.

Lipphardts Arbeit macht nur zu deutlich, welchen Zwang zur argumentativen Auseinandersetzung naturwissenschaftliche Konzepte von Identität ausübten und dass es aus diesen Fremd- und Selbstzuschreibungen, wie unterschiedlich sie auch ausfielen, zumindest für naturwissenschaftlich-medizinisch Gebildete kein Entrinnen gab. Sie alle entwarfen ihr „biohistorisches Narrativ“. Es bleibt allerdings offen, ob sich Lipphardts hoffnungsvolle Feststellung als tragbar zeigen wird, es gebe einen Konsens in den heutigen Naturwissenschaften, wonach der Begriff „Rasse“ mit wenigen Ausnahmen keine „Daseinsberechtigung“ habe (S. 17).

Ein Wort zum Buchumschlag: Er zeigt eine Skizze von vier DNA-Strängen, die sich über eine Landkarte Europas und Nordafrikas erstrecken und über der Region des Nahen Ostens zu einem Davidstern verschränken. Warum benutzt ein Verlag hier völlig ahistorisch das zentrale Symbol einer Genetik nach 1953, das nun wirklich nicht zu den noch sehr fluiden vererbungsbiologischen Konzepten des im Buch behandelten Zeitraumes gehört? Diese Graphik kann leider auch als Darstellung einer jüdischen Strangulierung oder Durchdringung der bezeichneten Regionen kraft genetischer Bande und somit antisemitisch gelesen werden. Eine kritische Sicht der Geschichte der Biologisierung jüdischer Identität vor 1935, die der Text des Buches leistet, wird vom Cover leider konterkariert.

Helga Satzinger, London

Iris Borowy 2009:Coming to Terms with World Health: The League of Nations Health Organisation 1921-1946, Frankfurt a. M: Lang, geb., 510 S., 56,99 €, ISBN-13: 978-3-631-58678-7.

Es gibt Geschichte, die schreibt man besser nicht von ihrem Ende her. Im Oktober 1946, anlässlich der Gründung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), gingen alle Funktionen der Hygienesektion des Völkerbundes auf die neu geschaffene Institution über. Allzu viele waren es allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, hatte doch die Hygienesektion das Schicksal des Völkerbundes selbst geteilt. Wie dieser war sie Teil der politischen Ordnung der Zwischenkriegszeit und ebenso dem Zusammenbruch derselben im Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen. Allerdings wirft gerade ihr Aufgehen in der WHO die Frage auf, ob und in welcher Weise sie als Pionierorganisation zu verstehen ist. Entsprechend hat sie – obwohl in der breiten Öffentlichkeit weitestgehend vergessen – ein reges Nachleben in der Geschichte der Medizin und besonders des öffentlichen Gesundheitswesens gefunden. Das Buch der Historikerin Iris Borowy basiert auf dieser durchaus reichhaltigen Forschung, die die Verfasserin durch umfangreiche Archivrecherchen noch erweitert hat. Herausgekommen ist ein mit über 500 recht eng bedruckten Seiten umfangreiches Werk. Bei der Größe des Themas verständlich, hat die Verfasserin Schwerpunkte gesetzt: Die Bereiche der Entwicklung des Gesundheitsbegriffs, der Funktion der Hygienesektion in der internationalen Politik und schließlich der internationalen Zusammenarbeit dominieren in der Darstellung. Demgegenüber wird der im engeren Sinne wissenschaftlichen Arbeit weniger Aufmerksamkeit gewidmet. Dennoch sollte das Buch durchaus als Geschichte der Organisation insgesamt gelesen werden. Gut gegliedert und mit Register versehen ermöglicht es die selektive Lektüre, wie man das von einem Standardwerk erwartet.

Begründet im Jahre 1919 und zwar durch die Unterstellung des Office International d’Hygiene Public unter den Völkerbund, wurde die Hygienesektion zunächst zur Erbin verschiedener Konferenzen und internationaler Aktivitäten der Vorkriegszeit: Epidemiologie, Gesundheitsstatistik und biologische Standardisierung bildeten entsprechend den harten Kern der Aktivitäten. Dem entsprachen auch die Qualifikationen prominenter Mitarbeiter, wie etwa des britischen Pharmakologen Henry Dale, des dänischen Serologen Thorvald Madsen oder des polnischen Bakteriologen Ludvik Rajchman, die jeweils in bedeutenden Funktionen über lange Jahre die Arbeit der Hygienesektion prägten. Im Verlaufe der 1920er Jahre wurden die Aktivitäten um verwandte Gebiete wie die Klassifikation der Todesursachen und Krankheiten erweitert, die letztlich in die noch heute gebräuchliche International Classification of Diseases (ICD) mündeten. Daneben etablierten sich eine ganze Reihe von Programmen zur Bekämpfung wichtiger Krankheiten, die man in dreierlei Hinsicht als ein Erbe der Vorkriegszeit ansehen sollte: Zum einen fokussierten sie stark auf Infektionskrankheiten, die im späten 19. Jahrhundert im Visier der experimentellen Hygiene gestanden hatten. Zum anderen ist eine Schwerpunktsetzung bei Tropenkrankheiten wie Malaria unverkennbar. Für die Hygienesektion bedeutete vor allem Letzteres eine schwierige Gratwanderung zwischen dem proklamierten Internationalismus der eigenen Organisation und den Interessen der großen Kolonialmächte, die als Finanziers überdies schwer zu ersetzen waren. Schließlich war Gesundheit zunächst ein ex negativo, also durch die Abwesenheit von Krankheiten bestimmter Begriff, der selbst kaum substantiellen Inhalt hatte.

Als innovativ erwies sich dem gegenüber das in der Organisation kultivierte Interesse an Sozialhygiene. Die Spannweite der Interessen war mit Gesundheitserziehung, Arbeiten über Gesundheit im ländlichen Raum, Ernährungsforschung, Wohnhygiene und anderem sehr erheblich. Es gab sogar Versuche, das Gesundheitswesen ganzer Länder aufzubauen. Insbesondere Letzteres verlief allerdings im Sande und die Gründe dafür lagen in der politischen und materiellen Schwächung der Organisation in den 1930er Jahren, etwa dem Ausscheiden des – erst 1926 beigetretenen – Deutschen Reiches. Es waren nicht zuletzt die neuen Staaten Osteuropas gewesen, die zu den eifrigsten Mitarbeitern gehört hatten. Mit Einbruch des Krieges in diesen Staatenraum kamen im Zweiten Weltkrieg auch die Aktivitäten der Hygienesektion dann fast völlig zum Erliegen.

Das heißt aber nicht, wie Borowy eindrucksvoll darlegt, dass es keine Folgewirkungen gegeben hätte: Vielmehr gelang es der Hygienesektion ungeachtet ihres Scheiterns als Institution, den Begriff der Gesundheit mit Inhalt zu füllen, nämlich als Grundrecht einzelner Personen und als Ziel staatlicher beziehungsweise überstaatlicher Politik. Es ist also eine Geschichte mit bedauerlichem Ausgang aber nicht geringem Nutzen für die Nachgeborenen, die im Buch dargelegt wird. Folgt man Borwoys Interpretation, so schuf die Hygienesektion einen Raum von Möglichkeiten, der später das Selbstverständnis und die Arbeit der WHO prägen sollte.

Christoph Gradmann, Oslo

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