Journal für Ornithologie

, Volume 100, Issue 2, pp 210–236

Zur Biologie des Rotschenkels(Tringa t. totanus) II

Authors

  • Gerhard Großkopf
    • Vogelwarte Helgoland
Article

DOI: 10.1007/BF01671391

Cite this article as:
Großkopf, G. J Ornithol (1959) 100: 210. doi:10.1007/BF01671391

Zusammenfassung

Zur Ergänzung der in Teil I (1958) dieser Arbeit veröffentlichten Tatsachen werden nun diejenigen bekanntgegeben, die dem Bereich der Ethologie und der Populationsforschung angehören. Sie wurden auf der ostfriesischen Insel Wangerooge im Verlauf von vier Brutcyclen (1955 bis 1958) ermittelt.

Im Kontrollgebiet brüteten 1956 etwa 75, 1957 etwa 70, 1958 etwa 90 Paare des Rotschenkels. Von den Brütern waren oder wurden 1956 147, 1957 149, 1958 164 Individuen durch Farbringe gekennzeichnet.

Der männliche Rotschenkel verkündet ein Revier zunächst im Nahrungsgebiet (als Vorrevier bezeichnet, in das er sich mit einigen Nachbarn teilen kann), später im Nestgebiet und verteidigt es gegen Rivalen. Die hierzu dienenden stereotypen Handlungen werden beschrieben.

Die Anpaarung erfolgt rasch und unauffällig. Sie äußert sich darin, daß ein ♂ die Annäherung eines bestimmten ♀ duldet. Das ♂ bestimmt die Lage des Nistreviers, das ♀ folgt ihm dorthin.

Die das ♀ stimulierenden Werbehandlungen des ♂ beginnen mit dem Scheinnisten. Eine der vom ♂ ausgedrehten Mulden wird schließlich vom ♀ zum Brutnest ausgewählt. Schon ber diesem Stadium kann das „Halmziehen“ auftreten.

Den ersten Begattungen geht beim ♂ eine streng geregelte Handlungsfolge voraus, das Treiben, Tanzen und Flügelschwirren.

Beide Geschlechter brüten. Sie lösen einander dabei anscheinend ohne ein Zeremoniell ab. Das beiCharadrius übliche Verlegen und Schleudern scheint beim Rotschenkel zu fehlen.

Artfeinde lösen kollektive Angriffshandlungen einer Kleinpopulation aus.

Der männliche Rotschenkel gewöhnt sich nicht nur an ein Nistgebiet, das er alljährlich wieder zu besetzen trachtet, sondern auch an ein Nahrungsgebiet. Erfolgreiche Paare, die ein Jahr später abermals auf Wangerooge brüteten, führten ihre Jungen dann meist aus dem Nistrevier in das ihnen schon von früher her bekannte nahrungsreiche „Führrevier“, manchmal selbst dann, wenn es relativ weit abgelegen war.

Beide Geschlechter des Rotschenkels können sich schon fortpflanzen, bevor sie das 1. Lebensjahr vollendet haben. Meist scheinen sie das aber erst ein Jahr (oder gar zwei Jahre) später zu tun.

Aus 286 Eiern schlüpften 1958 245 Junge (= 85,6%).

Es kehrten 70% (Mittel von 3 Jahren) der als Brutvögel beringten Rotschenkel im nächsten Jahr aus dem Winterquartier zurück. Daraus wird gefolgert, daß das Durchschnittsalter der Brutvögel etwa 4 Jahre beträgt. Aus der Verteilung der 164 adulten Ringträger des Jahres 1958 auf ihre Beringungsjahre 1947 bis 1958 ergibt sich ein Durchschnittsalter der Population von 3,7 Jahren. Der älteste Brutvogel der Population war 1958 schon mindestens 12 Jahre alt.

Die Sterblichkeit nahm nach der ersten Brutperiode mit dem Alter etwas ab, was vielleicht die Folge wachsender Erfahrung ist. Die Lebenserwartung, berechnet aus der Zahl der Rückkehrer, betrug in der 1. Brutperiode des Individuums weitere 2,7 Jahre; sie stieg in der 2. Brutperiode auf 3,4 Jahre an.

Wenn beide vorjährigen Partner aus dem Winterquartier zurückkehrten, dann vereinigten sie sich in der Mehrzahl der 46 kontrollierten Fälle abermals zu einem Brutpaar. Umpaarungen ergaben sich nachweislich vor allem daraus, daß ein vorjähriger Partner viel später aus dem Winterquartier zurückkehrte als der andere und dieser sich inzwischen einem Ersatzpartner fest angeschlossen hatte.

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© Verlag der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft 1959