, Volume 202, Issue 1, pp 31-59

Das Syndrom der Anorexia nervosa

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Zusammenfassung

34 Frauen wurden nachuntersucht, die sich vor durchschnittlich 10 Jahren wegen einer Anorexie in stationärer Behandlung befunden hatten.

Ergebnisse. Die Anorexia nervosa ist ein Syndrom, zu dem die Pubertätsmagersucht, die chronische Anorexie und die Anorexie als neurotische Reaktion gehören.

Im Gegensatz zur Pubertätsmagersucht beginnt die chronische Anorexie schon in der Kindheit, erfährt in der Adoleszenz eine Besserung, um später in eine chronische Neurose mit zahlreichen körperlichen Beschwerden, besonders am Verdauungstrakt, überzugehen. Die Anorexie als neurotische Reaktion ist die Antwort auf ein grobes kränkendes oder beschämendes Psychotrauma. Nach jahrzehntelangem Verlauf entwickeln sich aus der Pubertätsmagersucht und — seltener — aus der chronischen Anorexie neurotische Endzustände mit schweren psychischen Veränderungen, die leicht mit pseudoneurotischer Schizophrenie verwechselt werden können.

Unter 20 Pubertätsmagersüchtigen waren 7 geheilt, 7 ungeheilt und 3 verstorben. Die Heilung einer Pubertätsmagersucht nimmt stets mehrere Jahre in Anspruch. Bei 3 Probandinnen hatte sich eine Schizophrenie entwickelt; eine davon ist eineiiger Zwilling, bei ihrer Zwillingsschwester ist die Pubertätsmagersucht zur Ausheilung gekommen.

Das Familienbild zeigte keinen weiteren Fall von Anorexie, eine der schizophren gewordenen Kranken hatte eine entsprechende familiäre Belastung, sonst fanden sich keine endogenen Psychosen in den Familien. Eine Probandin konnte keiner der drei Gruppen zugeordnet werden, hier war im Hinblick auf manisch-depressive Erkrankungen bei Mutter und Großvater zu diskutieren, ob es sich bei der Anorexie um das Symptom einer Depression gehandelt hat.

Die meisten Pubertätsmagersüchtigen zeigten eine zwangsneurotische Struktur, jedoch keine Zwangssymptome; nur wenige Probandinnen waren als hysterische Persönlichkeiten zu bezeichnen. Bei der chronischen Anorexie dominieren asthenische Wesenszüge.

Von 3 männlichen Anorexie-Kranken wurde der eine schizophren. Bei den beiden anderen Kranken war die Anorexie Ausdruck einer Tendenz, sich die Mutter als Spender in der Nahrung zu erhalten. Im Gegensatz zu den pubertätsmagersüchtigen Mädchen fehlt die Beziehung zum Sexualtrieb, die Anorexie dieser beiden männlichen Jugendlichen erwies sich als Verwöhnungsneurose.

Während die chronische Anoexie die typischen Merkmale einer Neuose erkennen läßt, ist die Pubertätsmagersucht eine Reifungskrise, die durch eine weitgehend bewußte Auseinandersetzung mit dem Nahrungstrieb und dem Sexualtrieb gekennzeichnet ist.