Zeitschrift für vergleichende Physiologie

, Volume 52, Issue 4, pp 401–429

Über den Angstgeruch bei der Hausmaus (Mus musculus L.)

Authors

  • Hansjörg Müller-Velten
    • Zoologisches Institut der Universität Erlangen-Nürnberg
    • Zoologisches Institut der Universität Von
Article

DOI: 10.1007/BF00302294

Cite this article as:
Müller-Velten, H. Z. Vergl. Physiol. (1966) 52: 401. doi:10.1007/BF00302294

Zusammenfassung

  1. 1.

    Bei der Hausmaus (Mus musculus L.) konnte eine Fluchtreaktion auf den Geruch eines geängstigten Artgenossen festgestellt werden. Damit kann vom Auftreten eines Angstgeruchs gesprochen werden.

     
  2. 2.

    In Kontrollversuchen zeigt sich die stark anlockende Wirkung des Artgeruchs für Angehörige der gleichen Art.

     
  3. 3.

    Der Angstgeruch wird von den das geängstigte Tier umgebenden Gegenständen aufgenommen, soweit sie mit ihm in Berührung kommen. Er hält unter Versuchsbedingungen mindestens 7–8 Std an und ist nach 24 Std nicht mehr feststellbar.

     
  4. 4.

    Es tritt rasche Gewöhnung an den Angstgeruch ein. Nach einiger Zeit, in der die Versuchstiere nicht geprüft werden, zeigt sich wieder die normale Schreckreaktion, die bald einer neuen Gewöhnung unterliegt.

     
  5. 5.

    Der Schreckstoff wird nicht erst bei mechanischer Verletzung, sondern bereits bei emotionaler Erregung der geängstigten Maus frei. Das soziale Warnsystem ist also hochdifferenziert.

     
  6. 6.

    Als mögliche Quellen des Angstgeruchs kommen Schweißoder Duftdrüsen der Haut, freie Diffusion durch die Haut oder Ausscheiden mit Kot und Harn in Betracht. Es stellte sich heraus, daß der Schreckstoff ausschließlich mit dem Harn geängstigter Hausmäuse abgeschieden wird und daß sowohl Männchen wie Weibchen über ihn verfügen.

     
  7. 7.

    Die Geschlechter reagieren verschieden auf Angstgeruch. Stammt der Schreckharn von einem gleichgeschlechtlichen Partner, wird immer Meidereaktion ausgelöst, ebenso sicher wirkt der von Männchen stammende Schreckharn auf weibliche Tiere. Weiblicher Angstharn löst bei Männchen keine Fluchtreaktion aus.

     
  8. 8.

    Frisch abgesetzter schreckstofffreier Urin hat in den meisten Fällen auf Artgenossen weder abschreckende noch attraktive Wirkung. Stammt er von weiblichen Tieren, übt er auf Männchen eine geruchlich anziehende Wirkung aus. Diese Resultate werden mit den Ergebnissen von Punkt 7 verglichen und diskutiert.

     
  9. 9.

    Geängstigte Siebenschläfer (Glis glis L.) und Waldmäuse (Apodemus sylvaticus L.) rufen bei Hausmäusen (Mus musculus L.) keine olfaktorisch ausgelöste Meidereaktion hervor.

     
  10. 10.

    Es ist zu vermuten, daß die instinkthafte Auslösung der Schreckreaktion einer Reifung bedarf und erst mit Erreichen des Alters von ca. 18 Tagen in Erscheinung tritt.

     

Summary

  1. 1.

    A flight reaction to the odor of a frightened mouse of the same species has been demonstrated in the house mouse (Mus musculus L.).

     
  2. 2.

    Control experiments have shown a strongly attractive olfactory effect for members of the same species.

     
  3. 3.

    The fear scent (“Angstgeruch”) is taken up by the surroundings with which the animal comes into contact, and remains, under experimental conditions, for a period of at least 7 to 8 hours; the “Angstgeruch” is no longer detectable after 24 hours.

     
  4. 4.

    A rapid adaptation to the “Angstgeruch” takes place. After a period of time during which the animals were not tested, the usual flight reaction could be demonstrated once again, yet soon influenced by further adaptation.

     
  5. 5.

    The alarm substance is not initially set free after a mechanical wound, but during the emotional excitement of the frightened mouse. This social warning system is therefore highly differentiated.

     
  6. 6.

    Skin glands, free diffusion through the skin, feces, and urine are possible sources of the “Angstgeruch”. The alarm substance has been found to be excreted with the urine of the frightened house mouse, and that both males and females possess this substance.

     
  7. 7.

    The sexes react to the “Angstgeruch” differently. If the alarm urine comes from a partner of the same sex, a flight reaction then always results; the same reaction occurs in females exposed to the alarm urine from males. Feminine alarm urine does not evoke a flight reaction in males.

     
  8. 8.

    Freshly deposited urine not containing the alarm substance has in most cases, neither a frightening nor an attractive effect on members of the same mouse species. If it comes from female animals, it has an olfactory attractive effect on males. These results are discussed, and compared with those mentioned in the previous paragraph.

     
  9. 9.

    Frightened Fat Dormice (Glis glis L.) and longtailed Fieldmice (Apodemus sylvaticus L.) dont create an olfactory released flightreaction in Housemice (Mus musculus L.).

     
  10. 10.

    It is presumable that the instinctual evocation of the flight reaction requires a certain degree of maturation, first taking place after the attainment of an age of ca. 18 days.

     

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